DSI Insights: Was die Schweiz über die Digitalisierung denkt

28. April 2023 um 13:09
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Karsten Donnay

Die digitale Transformation schreitet immer schneller voran, aber nicht alle stehen ihr positiv gegenüber. Studien wie "DigiVox" helfen, Risiken und Nutzen besser zu verstehen. Karsten Donnay gibt Einblicke in das Projekt.

In unserem Alltag sind digitale Dienste für viele längst eine Selbstverständlichkeit geworden, die Mediennutzung verlagert sich zunehmend ins Internet und politische Debatten werden immer mehr durch Online-Kampagnen geprägt. Neue Technologien wie ChatGPT haben das Potenzial, unseren Alltag nachhaltig zu verändern – im Guten wie im Schlechten. Gleichzeitig schreitet die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung immer schneller voran. Das gilt für die Arbeit innerhalb der Verwaltungen, aber auch für die Dienste, die sie uns Bürgern und Bürgerinnen digital zur Verfügung stellen.
Die digitale Transformation ist in vollem Gange und wird langfristig und nachhaltig verändern, wie wir als Einzelne leben, aber auch wie die Wirtschaft, Politik und die Gesellschaft als Ganzes funktionieren. Im internationalen Vergleich steht die Schweiz in puncto digitale Wettbewerbsfähigkeit recht gut da. Aber was bedeutet die fortschreitende Digitalisierung für uns als Einzelne und wie ist die Sicht der Bevölkerung auf diese Veränderungen? Wer profitiert von der digitalen Transformation der Gesellschaft und wer steht ihr eher skeptisch gegenüber oder wird durch sie gar benachteiligt? Und wie verändern sich die Einstellungen und das Verhalten der Bevölkerung über die Zeit?
Der Beitrag der Forschung zum Verständnis der digitalen Transformation
Die Beantwortung solcher Fragen erfordert Umfragen, die systematisch und über längere Zeit die Einstellungen der Bevölkerung zur Digitalisierung messen. Aktuell gibt es in der Schweiz schon interessante Initiativen in diesem Bereich, zum Beispiel das jährliche "Digital Barometer" der Stiftung Risiko-Dialog, in Zusammenarbeit mit der Mobiliar-Versicherung.
Diese Art von Umfragen können relevante Tendenzen und deren Veränderungen über die Zeit aufzeigen. Allerdings werden dort jedes Jahr andere Personen befragt, so dass es schwierig ist, Aussagen über die Veränderung der Einstellung und des Verhaltens von Einzelnen über die Zeit zu treffen. Dies ist nur mit echten Langzeit- bzw. Panelstudien möglich, in denen dieselben Personen in regelmässigen Abständen befragt werden. Die Antworten sind dadurch über die Zeit direkt vergleichbar.
Die Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH), die Digital Society Initiative (DSI) und die Universität Zürich (UZH) finanzieren seit 2021 den Aufbau einer Forschungsinfrastruktur, welche genau dieses Ziel verfolgt: "DigiVox" ist ein nationales Umfragepanel, das sich speziell der Untersuchung der sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen, politischen und regulatorischen Auswirkungen der Digitalisierung und deren Wechselwirkungen mit den technologischen Entwicklungen in der Schweiz widmet.
Das Projekt ist interdisziplinär angelegt, um relevante Expertise aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen effektiv zusammenzubringen. Es wird von vier Professorinnen und Professoren der Universität Zürich gemeinsam verantwortet: Eszter Hargittai vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Abraham Bernstein vom Institut für Informatik und Lucas Leemann sowie von mir, Karsten Donnay – beide vom Institut für Politikwissenschaft.
Nachhaltige Umfrageinfrastruktur durch ein kooperatives Beteiligungsmodell
Um das Panel aufzubauen, konnte das DigiVox-Team unter anderem auf umfangreiche Adressdaten zurückgreifen, die im Rahmen einer Stichprobe vom Bundesamt für Statistik zur Verfügung gestellt wurden. Insgesamt nahmen knapp 8000 der angeschriebenen Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz an der ersten Erhebung bis März 2023 teil. Die Antworten aus dieser Befragung werden derzeit ausgewertet, die zweite Erhebung ist für Herbst 2023 geplant.
In der ersten Umfrage lag der Fokus darauf, einen Überblick über wichtige Aspekte der Digitalisierung zu erhalten. Insbesondere ging es neben der persönlichen Kenntnis und Nutzung digitaler Kanäle und Tools zum Beispiel auch um deren Wahrnehmung als Informationsquelle, die Nutzung von E-Government-Dienstleistungen oder auch um die allgemeine Wahrnehmung der Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Schweizer Gesellschaft. In den kommenden Befragungen werden diese eher grundsätzlicheren Fragen vertieft und ergänzt.
Ziel von DigiVox ist es, wichtige grundsätzliche Tendenzen im Umgang mit und zur Wahrnehmung der Digitalisierung regelmässig zu erheben, aber gleichzeitig auch flexibel den Fokus auf aktuelle Themen zu legen. Insbesondere werden, zusätzlich zu einem wiederkehrenden Satz von Fragen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Möglichkeit haben, in einem Wettbewerbsverfahren Platz auf dem Umfragepanel zu kaufen, um ihre eigenen Fragen zu stellen. Dieses kooperative Beteiligungsmodell trägt dazu bei, DigiVox über die Anlauffinanzierung hinweg nachhaltig zu erhalten und diverse aktuelle Fragestellungen zur digitalen Transformation abzudecken.
Es gibt Personen mit keinem oder wenig digitalem Zugang
Nicht alle Bürgerinnen und Bürger stehen der Digitalisierung positiv gegenüber. Leider wissen wir jedoch gerade über diese für die Politik wichtige Gruppe sehr wenig. Ein Kernproblem ist, dass gerade diejenigen, die der digitalen Transformation skeptisch gegenüberstehen, in den Umfragen zu diesem Thema häufig nicht ausreichend repräsentiert sind. Insbesondere Umfragen, die nur über digitale Kanäle stattfinden, erreichen keine Personen ohne Internetzugang oder die nötigen Kenntnisse.
Die Teilnehmenden für DigiVox wurden daher bewusst brieflich angeschrieben und die Teilnahme wurde auch auf Papier ermöglicht. Aus den Antworten und Rückfragen zu unserer ersten Erhebung wissen wir, dass dies insbesondere für viele ältere Menschen entscheidend ist, um überhaupt an der Umfrage teilnehmen zu können. Nichtsdestotrotz gab es aber immer noch einige Fälle, in denen vor allem ältere Menschen beziehungsweise solche mit keinem oder wenig digitalem Zugang nicht an der Erhebung teilnehmen wollten.
Auch wenn wir damit weiterhin weniger genau wissen, wie gerade diese Gruppe über die digitale Transformation denkt, lassen sich aus der DigiVox-Panelumfrage in den kommenden Jahren wichtige Einsicht dazu ableiten, wie wir in der Schweiz über die Digitalisierung denken. Und vor allem, wie sich die Wahrnehmung und der Umgang mit der Digitalisierung im Laufe der Zeit entwickeln.

Über den Autor

Karsten Donnay ist Politologe und leitet an der Universität Zürich die Forschungsgruppe zu politischem Verhalten und digitalen Medien. In seiner Forschung untersucht er die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Politik und Gesellschaft mit einem besonderen Augenmerk auf digitale Onlinemedien. Er ist DSI Professor, einer der wissenschaftlichen Leiter der DSI Community Democracy und des Digital Democracy Labs sowie Mitglied des Executive Boards des kürzlich gegründeten Population Research Centers der Universität Zürich.

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