Lohnexplosion – Können sich KMU IT-Spezialisten noch leisten?

27. April 2022, 11:02
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Für Judith Bellaiche, Swico-Geschäftsführerin, ist das eigentliche Problem, die richtigen Talente überhaupt zu finden.

Der Fachkräftemangel habe für Preisexzesse in einem total überhitzten Markt gesorgt, hiess es kürzlich in Österreich. Wie sieht es hierzulande aus?

Der Fachkräftemangel habe zu "Gehaltsexzessen" bei gefragten IT-Experten geführt. Das betonte vor wenigen Wochen Peter Lieber, Präsident des Verbandes der Österreichischen Softwareindustrie, gegenüber dem Nachrichtenportal 'Kurier'. Laut dem Bericht sind es gerade kleine Unternehmen, die sich selbst im Notfall die immer teurer werdenden IT-Spezialisten kaum mehr leisten können. Besonders betroffen sei das IT-Security-Umfeld, wo nach einer Cyberattacke zur Datenrettung Preise verlangt würden, die mitunter "schon fast erpresserisch sind". Die IT-Löhne seien explodiert. Eine Folge sei, dass sich neben KMU auch mittelgrosse Unternehmen mit Zweitklassigkeit in Sachen ICT zufriedengeben müssen.
Wir haben hierzulande nachgefragt, welche Folgen der Arbeitskräftemangel in der Schweiz hat und was dran ist am Vorwurf der Preisexzesse und Lohnexplosion.
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Laut Tobias Ellenberger, CEO von Oneconsult, haben sich die Tagesansätze für ICT-Spezialisten in den letzten 5 Jahren, nicht wesentlich verändert.
Tobias Ellenberger, seit Anfang Jahr CEO des Security-Dienstleisters Oneconsult, gibt Entwarnung. Tagesansätze für Software-Entwickler und IT-Security-Spezialisten hätten sich in den letzten 5 Jahren, "nicht wesentlich verändert". Die Nachfrage nach Dienstleistungen sei zwar gestiegen, "aber ein wachsender Markt belebt auch den Wettbewerb, wodurch ganz hohe oder ganz niedrige Preise nicht an Unternehmen verrechnet werden können", so Ellenberger.
Zwar verweist auch er darauf, dass der Preis abhängig von der Anzahl der verfügbaren Spezialisten sowie dem Knowhow des Dienstleisters ist. Nur ist das aus seiner Sicht "kein Sonderfall der Entwickler oder Security-Spezialisten, sondern im ganzen Markt üblich". Dennoch gebe es Faktoren, die einen höheren Preis rechtfertigen. Dies sei etwa dann der Fall, "wenn zum Beispiel ein gesamtes Computer Security Incident Response Team (CSIRT) rund um die Uhr für Einsätze zur Verfügung stehen soll".
Auf weitere Aspekte verweist Judith Bellaiche. Die Geschäftsführerin des Wirtschaftsverbands Swico sagt, dass das hiesige Lohnniveau stets höher war als in anderen Ländern und in der ICT-Industrie schon immer überdurchschnittlich hoch war. "Doch das eigentliche Problem ist, die richtigen Talente überhaupt zu finden", streicht sie hervor. Diese Frage bewege kleine und grosse Unternehmen gleichermassen, wobei KMU aufgrund ihrer Struktur keineswegs im Nachteil sein müssten, erklärt sie.
Konkret beziffern, was beispielsweise die Datenrettung einer Festplatte heute und vor 5 Jahren gekostet hat, kann Bellaiche nicht. Ohnehin habe diese Frage "in den letzten 5 Jahren stark an Bedeutung verloren, weil Daten zunehmend in die Cloud verschoben werden." Auch erfasse man zu den Tagessätzen von IT-Spezialisten keine Daten. Doch liefere der Swico Software Industry Survey "interessante Informationen zu den Erträgen und der Profitabilität in der Software-Industrie". Demnach scheint die Profitabilität nicht unter dem Lohnniveau gelitten zu haben, nennt die Swico-Chefin einen weiteren Punkt.

Der Lohn allein ist nicht entscheidend

Auf die Bedeutung des Fachkräftemangels für die ICT-Löhne angesprochen, bestätigt Bellaiche, dass tatsächlich "ein heisser Wettbewerb zwischen den Anbietern stattfindet und Fachkräfte gegenseitig abgeworben werden". Nur sei dabei die Lohnfrage allein nicht entscheidend. "Öfters hat der Jobwechsel mit einem Karrieresprung, einem günstigen Zeitpunkt oder einfach der Lust nach etwas Neuem zu tun", führt sie aus. Dabei hätten "gerade KMU einen Vorteil", weil sie sich mit einer unkomplizierten Unternehmenskultur, flachen Hierarchien und selbstbestimmten Arbeitsmodellen profilieren könnten. "Häufig sind diese Kriterien entscheidender als eine Lohnerhöhung", betont Bellaiche. Regelmässige Gespräche mit KMU hätten ihr bestätigt, "dass sie Mitarbeitende mit anderen Vorteilen gewinnen und binden als mit hohen Löhnen. Diese schätzen das Arbeiten in kleinen, agilen Teams, den hohen Selbstbestimmungsgrad und flexible Arbeitsformen."
Das eigentliche Problem sei, überhaupt an die richtigen Leute zu kommen: "Es herrscht ein starker Konkurrenzkampf um die besten Spezialistinnen und Spezialisten, der sich mit der wachsenden Digitalisierung noch zugespitzt hat." Konkret nennt Bellaiche die öffentliche Verwaltung, die ebenfalls um gute Leute wirbt und sich dabei sogar Vorteile verschafft, die private Unternehmen "leider nicht haben". "So hat beispielsweise die Bundesverwaltung flexible Arbeitszeiten eingeführt, die über das Arbeitsgesetz hinaus gehen – gleichzeitig verweigert sie aber der Privatwirtschaft diese Flexibilisierung", kritisiert die Swico-Geschäftsführerin.

KMU können sich notwendige Kompetenz nicht mehr leisten

Drastischer schätzt der Dreamlab-CEO und Programmchef der Swiss Cyber Security Days (SCSD) Nicolas Mayencourt die Lage im KMU-Land Schweiz ein. Er führt aus, dass KMU tatsächlich unter Druck kommen können, weil sie essenzielle Fähigkeiten kaum noch beschaffen und sie sich schlicht nicht mehr leisten können. "Business Cases kommen durch die hohen Kosten unter Druck". Der hohe Kostendruck führe besonders für KMU dazu, "dass wichtige Aspekte untergraben, nicht durchgeführt, auf unbestimmt verschoben werden" und habe "Auswirkungen auf Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Fortschritt von KMU".
Wenn im Krisenfall hierzulande IT-Sicherheitsexperten aufgeboten werden müssen, wird es teuer, sagt Mayencourt. Erpresserisch will er die verlangten Preise zwar nicht nennen, doch "hoch und sehr hoch leider schon". Begründet werde das einerseits durch die Spezialisierung und das Salärniveau von Spezialisten, auch wenn dieses nicht immer zu rechtfertigen ist, führt er aus. Wie Oneconsult-Chef Ellenberger verweist auch Mayencourt auf den speziellen Charakter der Security-Aufgaben. Es sei wie bei der Feuerwehr, die das Feuer löschen muss, wenn es entsteht. Security-Vorfälle sind nicht planbare Ereignisse, auf die Organisationen rund um die Uhr vorbereitet sein müssen, "um in einem Schadensfall Assets, Leben und Überleben von Unternehmen und teilweise auch von Menschen zu retten."
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Dreamlab-CEO und Programmchef der Swiss Cyber Security Days Nicolas Mayencourt stellt fest, dass neben KMU auch Business Cases tatsächlich wegen hoher Kosten unter Druck kommen.
Allerdings haben die immer teureren ICT-Spezialisten laut Mayencourt auch zu Beschwerden und Bedenken geführt, die längst nicht mehr nur von den KMU kommen, wie er sagt. "Auch grosse, etablierte und internationale Firmen kommen oftmals an Grenzen, wenn es um die finanziellen Lasten durch ICT-Spezialisten geht. Der Trend besteht seit 20 Jahren, hat sich aber in den letzten 10 und insbesondere auch durch die Covid19-Pandemie noch weiter beschleunigt".

Die Suche nach Talenten treibt die Löhne hoch

Wie bereits der Oneconsult-Chef und die Swico-Geschäftsführerin verweist Mayencourt als Grund für hohen Preise auf den keineswegs nur in der Schweiz akuten Fachkräftemangel.
So würden wegen des Fachkräftemangels Unternehmen in reichen, entwickelten Ländern anfangen, ihren Bedarf international abzudecken: "Damit haben sie international die Saläre angehoben. Das hat dazu geführt, dass in Ländern mit tiefem Wohlstand mehr oder weniger die ganzen Ressourcen abgegrast wurden und lokale Firmen sich die Löhne nicht mehr leisten können". Der "War for Talents" laufe inzwischen international und habe sich in der Pandemiezeit verschärft. Die "Digitalisierung, Work from home, digital Nomads etc. sind weitere Treiber und Aspekte, die dieses Phänomen befeuern". Der Jobwechsel erfolgt jetzt nicht mehr nur lokal, sondern für Talente auch global. Zudem ist es eine Generationenfrage – die heutige Generation sieht den Arbeitsmarkt und die Arbeitswelt anders, der Job ist nicht mehr Lebensaufgabe.
Dass die Schweiz diese Verschärfung relativ spät bemerkt habe, liege daran, dass sie traditionell ein Hochpreisland sei. "Mittlerweile jedoch ist die Schweiz im ICT Bereich kein Hochpreisland mehr, da andere Länder mehr zahlen und das ist neu für die Schweiz", so Mayencourt. Der Kampf um die Talente, fügt er an, sei zwar Fakt und Realität, doch "leider weder nachhaltig noch hilfreich für eine gesunde Entwicklung des Markts, der Branche sowie der Arbeits­zu­frieden­heit". Die derzeitigen Gewinner dieses Ringens um Fachkräfte bieten höhere Löhne und befeuern damit die veritable Lohnspirale: "Dies führt global zu Problemen, die Gewinner saugen den Arbeitsmarkt leer, und den lokalen Wirtschaften wird die Grundlage entzogen, sich zu entwickeln", illustriert er die Lage, die mittlerweile "schon so weit fortgeschritten ist, dass sich auch die ganz grossen Gewinner über zu hohe Löhne beklagen". Noch sei offen, wie zu einer Normalisierung zurückgefunden werden kann.

SwissICT: Salärstudien zeigen keine Exzesse

Beim Fachverband SwissICT, der seit 1981 Umfragen zum Salär in der hiesigen Branche durchführt, heisst es zunächst einmal lapidar: "Es ist eine Tatsache, dass es hohe Löhne gibt." Tatsache sei aber auch, dass Angebote ab Stange wie beispielsweise Cloud-Lösungen gewachsen sind und eine Alternative dazu darstellen, teure Spezialisten anzustellen, so Cornelia Ammon, die als Leiterin Produkte in der Geschäftsstelle des Verbands amtet.
Zu berücksichtigen sei zudem, dass wertschöpfende und wertsteigernde Tätig­keiten genauso deutlich zugenommen haben wie neue Berufe entstanden sind, die höher entlöhnt werden müssen, "weil sie einen nachhaltigen Wert für die Firmen schaffen". In diesem Sinne habe sich auch die Rolle der ICT geändert, die über Dienstleistungen und Support hinaus strategisch bedeutsam geworden sei. Kaum ein KMU könne heute noch ohne IT auskommen, so Ammon.
Dennoch sagt sie: "Aufgrund unserer Studien (ICT-Salärstudie sowie ICT-Honorarstudie) stellen wir keine Exzesse fest. Ausreisser gegen oben und unten gab es immer wieder. Das hat nicht speziell zugenommen". Zudem führt Ammon aus: "Das Salär ist und bleibt zwar ein wichtiger Teil des Gesamt­pakets. In der jüngeren Generation gewinnen aber auch andere Faktoren wie Work-Life-Balance, Nachhaltigkeit, Purpose und andere Benefits an Wichtigkeit bei der Wahl des Arbeitgebers."
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Cornelia Ammon, Leiterin Produkte bei SwissICT, sagt, dass es nicht neu und auch kein blosses KMU-Phänomen ist, wenn über immer teurere ICT-Spezialisten geklagt werde.
Gleichwohl konstatiert man bei SwissICT, dass man von den Unternehmen immer wieder höre, "wie hart umkämpft die ICT-Spezialisten sind und dass Saläre in diesem Belangen ein grosses Thema sind". Schwierig sei hingegen zu beantworten, ob der Fachkräfte­mangel zu schnelleren Jobwechseln geführt habe. Man beobachte zwar, dass sich der Markt derzeit sehr schnell bewege, doch sei es aufgrund der speziellen Situation in den letzten beiden Jahren fast nicht möglich, hier eine seriöse Aussage zu machen.
Dass sich gerade KMU über immer teurere ICT-Spezialisten beklagen, ist laut SwissICT allerdings "kein neuer Trend" und auch kein blosses KMU-Phänomen. Wie Mayencourt verweist auch Ammon auf die "zunehmenden Globalisierung" und die Verschärfung der Bedeutung des Faktors Lohn durch die Arbeit von zu Hause, was den Unternehmen den Zugriff auf weltweit verteilte ICT-Spezialisten erleichtere. "Da dies jedoch eher für die grösseren Unternehmen ein Thema ist, bleibt die Salär-Entwicklung abzuwarten", so Ammon.

Das sagen die jüngsten Lohnumfragen

Die Bedeutung des Fachkräftemangels kann nicht unterschätzt werden. Nicht nur wir thematisieren ihn schon seit Jahren. Der Zürcher Personaldienstleister Robert Half hielt kürzlich zu den Gehältern fest, dass gerade gesuchte Security-Spezialisten teuer sind. Überdurchschnittlich seien die IT-Löhne aber nicht gestiegen. Wer jedoch glaube, dass sich der Wettbewerb um ICT-Kräfte entspannen würde, müsse umdenken: Nur 7% der Führungskräfte meinen, dass es einfacher wird, qualifiziertes Personal zu finden. Und satte 88% der befragten Führungspersonen sorgen sich, ob sie ihre IT-Leistungsträger überhaupt halten können.
Auch die letztjährige Salärumfrage vom Branchenverband SwissICT zeigte kaum Veränderungen bei den Löhnen gegenüber dem Vorjahr. Die Median­löhne betrugen 2021 auf der Kompetenzstufe Junior 79’000 Franken, 104’000 Franken auf der Stufe Professional und 127’000 Franken auf der Senior-Stufe. Das sind Angaben, die grosso modo auch das kürzlich vorgelegte "Lohnbuch Schweiz 2022" bestätigte.
Dass der Gesamt-Medianlohn 1,1 Prozentpunkte über dem Jahr 2020 liegt, wurde von SwissICT als Hinweis auf den weiter zunehmenden Fachkräfte­mangel interpretiert. Herausfordernd sei, dass Softwareentwickler, Leute im Analytics-Bereich, Cloud-Transformation-Fachleute, Security-Spezialisten, aber auch die SAP-Profis schwer zu rekrutieren sind. Dieser Mangel bestehe schon länger und dies werde sich auch nicht so schnell ändern, schrieb der Branchenverband.
Während der ICT-Fachkräftemangel also weiter virulent bleibt, ist hierzulande zumindest an den Medianlöhnen der Branche keine Lohnexplosion abzulesen.

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