"Ohne junge Talente fehlt uns das Wissen von morgen"
5. Juni 2026 um 09:18- channel
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Die Softwarebranche befindet sich wegen KI im Umbruch. Am "Swiss Software Festival" spricht Beat Fluri über den Wandel. Im Interview gibt er einen Einblick in die Praxis bei Adnovum.
Silicon-Valley-Tycoon Marc Andreessen verkündete vor 15 Jahren: "Software is eating the world." Heute stehen die Programmierer selber auf dem Menü: Generative KI frisst die Softwareentwicklung. Was das für die Schweizer Software-Industrie bedeutet, wird am "Swiss Software Festival" debattiert. Unter anderen mit dabei: Beat Fluri, der bereits im vergangenen Jahr eine viel beachtete Keynote zum Thema hielt. Inside IT wollte vom Adnovum-Cheftechnologen wissen, welche Konsequenzen Claude & Co. für Anbieter von Individualsoftware und ihre Mitarbeitenden mit sich bringen.
Inside IT: Herr Fluri, würden Sie einem jungen Menschen heute noch anraten, Informatik zu studieren?
Beat Fluri: Unbedingt! Allerdings wird man sich darauf gefasst machen müssen, dass sich der Beruf des Informatikers wie wir ihn heute kennen, stark wandeln wird. Trotzdem, ein solides Wissensfundament ist und bleibt die Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere.
Gilt dies auch wenn künftig der KI-Agent das Coding übernimmt?
Ja. Die Erfahrung zeigt, dass es einiges an Grundlagenwissen braucht, um KI-gestützte Softwareentwicklung richtig einzusetzen. Das reine Code-Schreiben ist eine sehr wichtige, aber mit 15% Anteil nur eine von vielen Aktivitäten in der Softwareentwicklung.
Weit mehr ins Gewicht fallen Konzeption, Architektur, das Integrieren in eine bestehende Enterprise-Landschaft sowie die Qualitätssicherung und Wartung. Hierzu braucht es sehr viel Erfahrung und Kontextwissen. Insbesondere bei komplexen und kritischen Systemen lassen sich diese Tätigkeiten nicht einfach automatisieren, aber sehr wohl durch KI unterstützt optimieren.
Und wer wird sich in Zukunft dieses Wissen aneignen können, wenn statt Berufseinsteiger nur noch Claude und Co. "angestellt" werden?
Das ist in der Tat die grosse Frage, auf die wir als Industrie eine Antwort werden finden müssen. Ich denke wir müssen weiterhin Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger einstellen und sie entsprechend ausbilden.
Sie zeichnen hier ein vorwiegend evolutionäres Bild. Die Signale vom Markt nehmen hingegen derzeit klar disruptive Ausmasse an?
Das stimmt. Die Adaption von generativer KI in der Softwareentwicklung hat sich sehr viel schneller etabliert, als ich vermutet hatte. Die Grundaussagen meiner Keynote am "Swiss Software Festival" vor einem Jahr sind jedoch nach wie vor valide. Unsere Aufgabe als Softwareanbieterin ist es, den Herstellungsprozess durch Agentic Engineering so zu gestalten, dass unsere Kunden den grösstmöglichen Nutzen aus dieser nächsten Evolutionsstufe der Softwareentwicklung ziehen können.
Zunächst dürften jedoch vor allem die Margen unter Druck geraten?
Mit Agentic Engineerung wird zunächst das verfügbare Angebot erhöht. Die Erfahrung aus anderen Bereichen zeigt, dass mit dem Angebot auch die Nachfrage wächst.
Der Kunde verlangt also mehr fürs Geld?
Ja, wir können heute schneller liefern, was eben dazu führt, dass mehr gemacht wird. Hinzu kommt, dass eine ganze Reihe von mittelständigen Unternehmen und Organisationen sich nun Individualsoftware leisten können, wo sie zuvor mit einer Standardlösung vorliebnehmen mussten. Dies eröffnet uns ein neues Marktsegment.
Wie passt dieser Optimismus mit dem drastischen Rückgang offener Informatik-Stellen in der Schweiz zusammen?
Ich bezweifle, dass KI die Ursache hierfür ist. Wenn unsere Kunden heute zurückhaltender geworden sind bei Investitionsvorhaben, so ist dies in erster Linie den globalwirtschaftlichen Unsicherheiten geschuldet, und diese sind vor allem politischer Natur.
Aber auch die Big Techs setzen sich derzeit vor allem mit Massenentlassungen in Szene?
Auch hier muss man genauer hinschauen. Ich glaube nicht, dass die Jobs alleine der KI-Automatisierung zum Opfer fallen. Vielmehr zwingt der massive Ausbau der KI-Kapazitäten die Softwarehersteller dazu, die Kosten in den Griff zu bekommen, und hierzu ist dann der Stellenabbau auch ein Mittel.
Das hiesse ja dann auch, die Industrie habe sich verrannt?
Es gibt noch sehr wenige aussagekräftige Studien, welche belegen würden, dass Unternehmen durch den Einsatz von KI tatsächlich kosteneffizienter operieren können. Vielleicht mal abgesehen von den Use-Cases "Customer Services" und "Software Engineering". Für mich ist die Fragestellung falsch. Beim KI-Einsatz sollte es nicht um das Ersetzen von Mitarbeitenden gehen, sondern um deren Befähigung.
In der Schweiz schiessen derzeit KI-native Startups wie Pilze aus dem Boden. Dank Vibe Coding kann nun jeder programmieren. Verliert der Softwareentwickler nun seinen Nimbus?
Wenn man auf der grünen Wiese eine isolierte Applikation erstellen will, mag man mit Vibe Coding sehr weit kommen. Komplexer wird es, wenn Umsysteme integriert werden müssen und hohe regulatorische Anforderungen an die Sicherheit bestehen. Deshalb sprechen wir auch von Agentic Software Engineering und Harness Engineering. Im Kern geht es darum, KI nicht einfach im Blindflug einzusetzen, sondern in klaren, nachvollziehbaren Prozessschritten nutzbar zu machen. Darin wird künftig die Kunst des Software-Engineerings bestehen.
Aber der handwerkliche Berufsstolz bleibt auf der Strecke?
Ja, bis zu einem gewissen Grad stimmt das. Ich finde das ist ein ernstzunehmendes Problem. Viele unserer Talente haben einfach sehr viel Freude am Programmieren. In Zukunft werden sie dies viel weniger tun dürfen zugunsten anderer Tätigkeiten, mit denen sie sich erst noch anfreunden müssen.
Genauso wie Journalistinnen und Journalisten in Zukunft nicht mehr schreiben, sondern nur noch KI-generierte Texte inhaltlich überprüfen und sprachlich feintunen? Wobei wir uns damit in eine völlig neue Qualität der Abhängigkeit begeben?
Die Fähigkeit, selbständig zu denken und die Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen, wird zweifellos an Bedeutung gewinnen. Dem sollte in der Ausbildung grosses Gewicht beigemessen werden. Nur so sind wir in der Lage unsere Abhängigkeit in Zukunft managen zu können. Ich glaube nicht, dass wir uns in absehbarer Zeit technisch unabhängig und selbstbestimmt von Big Tech abschotten können. Ich bezweifle auch, dass das unser Hauptziel sein soll. Wichtiger ist es, sich das Wissen anzueignen, um kompetent und durch geeignete Massnahmen mit der technischen Abhängigkeit richtig umzugehen und dadurch entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben.
Interessenbindung: Inside IT ist Medienpartner des Swiss Software Festivals.
Swiss Software Festival
Beat Fluri wird am 24. Juni im Uptown Basel zusammen mit einer ganzen Reihe führender Software-Experten und Unternehmer über die Zukunft der Schweizer Software-Industrie in der Ära von KI debattieren.
Informationen zu Programm und Tickets: www.swiss-software-festival.ch
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