Prantl behauptet zum letzten Mal: Prioritäten haben Konsequenzen

22. Dezember 2025 um 10:21
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Urs Prantl. Foto: zVg

Der wochenlange Ausfall beim Webhoster Webland brachte hunderte Schweizer KMU in Schwierigkeiten. Dabei wurden Prioritäten falsch gesetzt, meint Kolumnist Urs Prantl.

Auch meine Frau und ich wurden Opfer des wochenlangen Totalausfalls vom Web-Hoster Webland. Einschlägige Berichte dazu gab es zahlreiche und sogar 'Radio SRF' widmete dem Crash einen eigenen Beitrag mit dem Titel "Viele Schweizer KMU tagelang per Mail nicht erreichbar". Glücklicherweise nutze ich den DNS-Dienst von Webland nicht und arbeite mailmässig mit M365, so dass mein Mailempfang nur einmal während weniger Stunden ausfiel. Meine Frau mit ihrer Lernpraxis hingegen konnte während zweier Wochen weder E-Mails empfangen, noch senden. Und damit nicht bloss "tagelang", wie 'Radio SRF' meldete. Unsere vier Websites waren ebenfalls während mindestens zweier Wochen nicht erreichbar.
Gemäss Webland war die Ursache, die sich bereits im November ereignete, der Ausfall eines Speicher-Arrays. Nachdem die Hosting Firma ihre Systeme anfangs Dezember wieder stabilisiert und hochgefahren hatte, kam es am Mittwoch, 10. Dezember, nochmals zu einem absoluten Totalausfall. Offensichtlich verursacht durch einen Stromausfall im eingemieteten Rechenzentrum in Basel. Dieser betraf unter anderem auch den Hoster Cyon, der allerdings nach zwei Stunden wieder online war. Bei Webland dauerte das Hochfahren der Systeme einmal mehr um Faktoren länger, teilweise bis zum drauffolgenden Wochenende und darüber hinaus.

Funkstille ohne Entschuldigung

Seit einer Woche laufen die Systeme wieder. Seitens Webland herrscht allerdings Funkstille. Ausser der Statusmeldung auf der Homepage gibt es kein Lebenszeichen. Insbesondere, was den wochenlangen Ausfall im November und Dezember anbelangt, kam weder eine genauere Erklärung noch eine Entschuldigung. Auch wenn die Einschränkungen für mich überschaubar waren, hunderte KMU in der ganzen Schweiz liefen am Anschlag. Davon zeugen die Medienberichte eindrücklich.
Webland wurde 2022 von der schwedischen Miss Group gekauft. Diese verwaltet seit Mitte dieses Jahres gemäss eigenen Angaben 2 Millionen Domains in ganz Europa, davon macht Webland allerdings nur knapp 4% aus. Auch wenn die Mehrheit der Miss Group bereits von einem britischen Private Equity Investor gehalten wird, gemäss 'Webhosting.today' wird ein Exit vorbereitet. Im Fachjargon nennt man das "die Braut hübsch machen".
Ich vermute, hier liegt der Hund begraben. Und damit zu meinen Behauptungen. Erstes Ereignis: Der (von Webland kommunizierte) Ausfall eines Speicher-Arrays führte dazu, dass die Server während mehr als zwei Wochen nicht liefen. Zum Mitschreiben, ZWEI Wochen! Zweites Ereignis: Ein Stromausfall im eingemieteten Rechenzentrum führte zu einem weiteren Ausfall von teilweise Tagen, während andere Hoster und Dienste innert weniger Stunden wieder online waren.
Was sagt uns das?
Entweder Webland wurde gehackt, oder, die Firma hat ein massives Qualitäts- und Strukturproblem mit der eigenen IT-Infrastruktur. Wieso sonst dauert eine Wiederherstellung nach einem für Hoster als normal zu kalkulierenden Vorfall wie einem Speicher- oder Stromausfall Tage und Wochen, während andere innert weniger Stunden wieder betriebsbereit sind? Zumal Webland auf der eigenen Website von sich schreibt: "Die Serverinfrastruktur besteht aus modernsten 64-Bit-Multiprozessor-Systemen von Intel. Die gesamte Plattform ist geclustert und virtualisiert, bei Ausfall einzelner Systeme übernehmen andere die Aufgaben ohne Unterbruch. Für die Speicherung der Daten wird ein hochverfügbares, gespiegeltes SAN von IBM eingesetzt, welches durch Fibre Channel über Glasfaser mehrfach redundant an die Server angeschlossen ist." Faktisch kann das nur gelogen sein.

Keine Priorität der Kundenzufriedenheit

Die Ereignisse passen perfekt zur These "Braut aufhübschen". Oder anders ausgedrückt, die Prioritäten bei Webland liegen offensichtlich weder bei der IT-Infrastruktur noch bei den Kunden, sondern vielmehr beim bereits erwähnten "Aufhübschen" der Braut. Verständlich, dass dann an allen Ecken und Enden (ganz besonders auch beim Fachpersonal) gespart wird und die Management Attention anderweitig absorbiert wird. Gestützt wird meine These auch durch den Umstand, dass die wenige Kommunikation von Webland durch den Miss Group COO aus Schweden erfolgte. Bei Webland in Münchenstein ist dazu offensichtlich niemand mehr befugt, möglicherweise auch gar nicht mehr kompetent.
Dieser Fall zeigt einmal mehr drei Dinge. Erstens lässt sich – auch in grösseren Unternehmen – immer nur eine grosse Sache als erste Priorität verfolgen. Alles andere wird dann zweite, dritte bzw. n-te Priorität mit dem Ergebnis, dass das Setzen von Prioritäten dann zweitens auch immer Konsequenzen zur Folge hat. Die sind für Webland in diesem Fall wahrscheinlich äusserst bitter. Alle anderen Hosting Provider in der Schweiz hingegen wird es freuen. So stehen auf einmal 75'000 Schweizer Domains potenziell zur Disposition.
Drittens zeigt der Fall eindrücklich, dass alle IT-Unternehmen ihre nachhaltigen Erträge nur mit zufriedenen Kunden erwirtschaften können. Egal, ob inhabergeführt oder als Teil einer Investorengruppe. Wer seine Prioritäten von dort wegverschiebt, der spielt mit dem Feuer.

Die Kolumne

Am Schluss meiner 130. Kolumne möchte ich mich nach elfeinhalb Jahren von meinen Leserinnen und Lesern mit einem weinenden und einem lachenden Auge verabschieden. Lachend, weil mir damit ab dem neuen Jahr Kapazitäten für andere berufliche Aktivitäten zur Verfügung stehen. Mit einem weinenden, weil ich in den vielen Jahren zahlreiche tolle und spannende Begegnungen durch diese Beiträge erfahren durfte. Ausserdem bin ich stolz auf diese lange Zeit mit der damit verbundenen Kontinuität. Mindestens mir gibt so etwas Orientierung und Sicherheit in einer Zeit grosser Umbrüche.

Der Autor

Urs Prantl kreiert zukunftssichere und gesund wachsende IT-Unternehmen und begleitet ihre Unternehmerinnen und Unternehmer bei der Unternehmensnachfolge und beim Firmenverkauf. Ausserdem ist er Host des Podcasts Prantls 5A, in welchem die strategische Einzigartigkeit erfolgreicher IT-Unternehmen im Gespräch mit ihren Inhaberinnen und Inhabern im Dialog herausgeschält wird. Als Kolumnist äussert er auf inside-it.ch seine persönliche Meinung.

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