SATW insights: Kosteneinsparungen dank besserer Organisation von Gesundheitsdaten

22. Februar 2024 um 11:06
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Manuel Kugler, Leiter Schwerpunktprogramme Advanced Manufacturing und Künstliche Intelligenz, SATW.

Stetig steigende Kosten strapazieren das solidarische Gesundheitssystem der Schweiz. Dabei hilft es nicht, dass Gesundheitsdaten uneinheitlich erhoben werden, schreibt Manuel Kugler von der SATW.

Gesundheit ist das höchste Gut des Menschen. Im Grundsatz ist sie unbezahlbar und jede und jeder sollten ein Anrecht darauf haben, ihre Gesundheit mit den notwendigen Gesundheitsdienstleistungen zu erhalten oder wiederherzustellen. In der Realität ist das Schweizer Gesundheitssystem aber solidarisch organisiert. Nicht alle Leistungen können in Anbetracht der stetig steigenden Gesundheitskosten übernommen werden. Die obligatorische Krankenkasse schreibt vor, wem unter bestimmten Umständen welche Leistungen zustehen. Werden die Kosten nicht übernommen, müssen Herr und Frau Schweizer selbst in die Taschen greifen. Es gibt also eine Abwägung zwischen dem gesellschaftlichen und dem Individuellen Interesse.
Leben wir dank Gesundheitsdaten in Zukunft besser und länger? Das beleuchtet Manuel Kugler von der Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) in einer zweiteiligen Mini-Serie. Im zweiten Teil zeigt er die Schwierigkeiten und Potenziale des elektronischen Patientendossier EPD auf.
Es sollte daher im Interesse aller liegen, die Gesundheitskosten mit Hilfe der verfügbaren Technologien und so weit als möglich ohne Einbusse der medizinischen Leistungen zu senken. Eine strukturierte, effizientere Erhebung und Verwaltung von Gesundheitsdaten sowie deren Sekundärnutzung zum Beispiel für die Früherkennung von Krankheiten sind naheliegend und bieten sich als nachhaltige Massnahmen dafür an, Prozesse im Gesundheitswesen effizienter zu gestalten, das Gesundheitspersonal zu entlasten und neue Erkenntnisse zu generieren.

Der Mensch inmitten der unzähligen Akteure

Gesundheitsdaten fallen an unterschiedlichsten Stellen an. So beispielsweise bei Apotheken, Arztpraxen, Spitälern, Krankenversicherern oder Krankheitsregistern. Damit ein Mensch selbstbestimmt gesundheitsfördernde Massnahmen basierend auf seinen persönlichen Gesundheitsdaten ergreifen kann, müssen diese zentral zugänglich sein. Heute werden die Daten aus den unzähligen Quellen meist uneinheitlich erhoben und verwaltet. Entsprechend können sie auch nicht automatisiert zusammengeführt werden. Bürgerinnen und Bürger müssten einen enormen Aufwand betreiben, um alle Daten zusammenzutragen und zu vereinheitlichen, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen. Diese Zeit hat im Normalfall niemand, weshalb wir heute auch nur sehr wenig datenbasierte, gesundheitsfördernde Massnahmen ergreifen.

Die Privatwirtschaft übernimmt

Eine Ausnahme bilden die zunehmende Anzahl an Smartphone-Apps oder damit verbundene Wearables. Diese Daten werden gleich in den jeweiligen Applikationen abgebildet und können dort untersucht werden. Die Daten von Schrittzählern oder Smartwatches können teilweise auch automatisiert weiter in die Gesundheitsapps von Apple, Google oder Samsung integriert werden. Mit teilweise über 1 Milliarde Downloads erfreuen sich diese Anwendungen grosser Beliebtheit.
Die andernfalls aufwändige Integration von Gesundheitsdaten geschieht hier über den Anbieter der Plattformen. Diese geben vor, wie die Daten von den verschiedenen Apps geliefert werden müssen, damit sie in der Plattform korrekt eingepflegt und dargestellt werden können. Sind einmal alle wesentlichen Daten und -quellen hinterlegt und eingebunden, sind alle wichtigen Gesundheitsinformationen an einem zentralen und sicheren Ort leicht zugänglich. Die Apps versprechen basierend darauf neue Erkenntnisse über unsere Gesundheit. Die Daten sollen verschlüsselt sein und lassen sich sogar mit nahestehenden Personen teilen. So weit so gut.
Doch selbst wenn man ihnen nur die besten Absichten unterstellt, so muss man sich dennoch fragen, ob wir die Sammlung und Verwaltung unserer sensitivsten Daten wirklich Big Tech überlassen wollen. Sollen sie entscheiden können, welche Anbieter aus welchen Gründen auch immer Zugang zu Ihrer Plattform erhalten? Unbestritten ist, dass sie gute Arbeit leisten: Die Anwendungen sind ansprechend, anwendungsfreundlich und topmodern. Was passiert jedoch, wenn wir auf einmal eine andere Plattform verwenden und unsere Daten migrieren möchten? Die Apple Health App findet sich auf jeden Fall nicht im Google Play Store.
Über den Autor
Manuel Kugler studierte Materialwissenschaften an der ETH Zürich. Nach seinem Masterabschluss blieb er bei der Hochschule und der Micro – and Nanosystems Group angestellt und arbeitete während 7 Jahren für den Spin-off greenTEG an der Produkt- und Prozessentwicklung für die Herstellung thermoelektrischer Sensoren. Seit 2016 ist er bei der SATW für die beiden Schwerpunkte Advanced Manufacturing und Künstliche Intelligenz zuständig. In diesem Rahmen ist er bei der SATW hauptverantwortlich für das Projekt «Digitale Selbstbestimmung» und für weitere Aktivitäten im Bereich der Sekundärnutzung von Daten.

Zu dieser Kolumne:

SATW insights: Unter diesem Titel berichten Mitglieder der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften SATW regelmässig für unsere Leserinnen und Leser über relevante, aktuelle Schweizer Technologie-Fragen. Die Meinung der Autoren muss sich nicht mit derjenigen von inside-it.ch decken.

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