Über 300 Forschende warnen
in einem offenen Brief vor der sogenannten Chatkontrolle. Das ist ein geplantes Gesetz der EU, das dafür gedacht ist, Kinder vor Missbrauch zu schützen.
Zu den Unterzeichnern des Briefs gehört auch Raphael Reischuk, Leiter Cybersecurity von Zühlke und Mitgründer des Nationalen Testzentrums für Cybersicherheit (NTC). Er sagt am Telefon zu inside-it.ch, dass das geplante Gesetz vermutlich mehr schade, als es nütze, und dass es grosse Gefahren für die Gesellschaft mit sich bringe.
"Kein gesundes Verhältnis"
Er habe den Brief unterzeichnet, so Reischuk, weil mit der Chatkontrolle die private Kommunikation von allen Nutzerinnen und Nutzern aufs Spiel gesetzt werde. "Ich verstehe, dass damit eine kleine und sehr wichtige Gruppe von Betroffenen geschützt werden soll", aber das "ist ein Verhältnis, das nicht gesund ist", so Reischuk. Denn es könnte für grossangelegte Spionage und Einschüchterung missbraucht werden.
Hinzu komme, dass "die vorgesehene Lösung via das sogenannte 'Perceptual Hashing' technisch nicht gut genug funktioniert" und folglich eine hohe Zahl menschlicher Begutachtungen benötige. Es gebe keinen Algorithmus, der missbräuchliche Bilder zielsicher erkenne, vielmehr "besteht die Gefahr, dass Bilder missinterpretiert werden". Als Beispiel nennt Reischuk dokumentierte Fälle in Gesundheitsapps, über die Eltern für Erstdiagnosen Fotos ihrer Kinder an Ärztinnen und Ärzte übermitteln, unter anderem auch vom Intimbereich.
Es braucht Mut, gegen Chatkontrolle zu argumentieren
Es sei schwierig und brauche Mut, gegen die Chatkontrolle zu argumentieren, sagt Reischuk. Dies, weil es den Befürworterinnen und Befürwortern der Chatkontrolle ohne viel Aufwand gelinge, Gegner in eine unschöne Ecke zu stellen. Diese Gefahr mache es nebst der technischen Komplexität auch für die Politik schwierig, sich kritisch zur Chatkontrolle äussern. Er begrüsse deshalb, dass sich Swico-Geschäftsführerin und Nationalrätin
Judith Bellaiche pointiert dagegen äussert.
Woher kommt der Lobbyismus?
Auf die Frage, ob der offene Brief zu einer Kehrtwende führen kann –
die Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten ist für die Chatkontrolle – gibt Reischuk keine eindeutige Antwort. Er hoffe nicht, dass das Gesetz schon quasi beschlossen ist. "Vielmehr hoffe ich, dass Politikerinnen und Politiker noch auf die Wissenschaft hören, und ihre Meinung ändern."
Ohnehin fragt sich Raphael Reischuk, woher der Lobbyismus für die Chatkontrolle kommt. "Ich vermute, dass es um andere Interessen geht, als um den Schutz der Kinder." Das sei möglicherweise vorgeschoben. "Es kann nicht sein, dass wir uns als Gesellschaft derart kontrollieren und einschränken lassen müssen", deshalb engagiere er sich in der Sache.