Das Bundesgericht hat kürzlich sechs Beschwerden
gegen das Ergebnis der E-ID-Abstimmung im September 2025 abgewiesen. Damit ist der Weg für die Einführung frei. Geht es nach
den Plänen des Bundes, soll die Ausstellung der elektronischen Identität im Dezember dieses Jahres starten.
Im Hinblick darauf hat die Hochschule Luzern (HSLU) untersucht, wie gut vorbereitet Schweizer KMU auf diesen Schritt sind. Zwar ist die Bekanntheit der E-ID hoch: Knapp 94% der befragten Unternehmen haben von ihr und der Vertrauensinfrastruktur gehört. Bei der Umsetzung zeige sich jedoch ein anderes Bild. Erst 20,5% haben bereits entsprechende Lösungen implementiert, weitere 21,8% befinden sich in Planung oder Umsetzung. Rund 36% haben keine Umsetzungspläne, und ein weiteres Fünftel zieht das Thema erst in Betracht.
Wenig regulatorische Bedenken
"Anders als in der politischen Debatte vor der Abstimmung vermutet, liegen die grössten Hindernisse nicht bei Recht oder Datenschutz", schreibt die HSLU. Am häufigsten würden die KMU drei Hürden für die Einführung nennen: die Integration in bestehende Systeme, mangelndes Wissen und Verständnis sowie fehlende Geschäftsfälle oder fehlender Bedarf. Regulatorische Bedenken nennen hingegen nur knapp 18%.
"Digitale Identitäten scheitern selten an der Idee, sondern an Schnittstellen, Rollenlogiken und am Betrieb", sagt Tim Weingärtner, Professor am Departement Informatik der Hochschule und Mitautor der Studie, in der Mitteilung. Entsprechend würden KMU Effizienzsteigerung (84%) und verbesserte Sicherheit (72%) als wichtigste Einführungsgründe der E-ID nennen.
Ebenfalls häufig genannt wird ein Schutz vor den Risiken durch Künstliche Intelligenz. Rund 86% der Befragten stufen KI-generierte Fake-Identitäten als mindestens mittleres Risiko für ihr Unternehmen ein, knapp die Hälfte sogar als hohes oder sehr hohes Risiko. Für fast zwei Drittel der befragten KMU können digitale Identitäten bei der Verhinderung solcher Fälschungen helfen.
Pragmatischer Kurs nach Einführung
Für die kommenden drei Jahre zeichnet sich gemäss der Umfrage ein pragmatischer Kurs ab. Rund die Hälfte der Befragten will die Prüfung digitaler Identitäten in bestehende Systeme integrieren oder Pilotprojekte starten. Gut ein Viertel beobachtet den Markt und handelt erst später, gut ein Fünftel plant vorerst keine Projekte. Nur 6% der Unternehmen wollen eigene digitale Nachweise ausstellen.
Weil aber viele KMU abwarten, würden sie einen "Aufholstress" riskieren. "Wer zu lange abwartet, spart kurzfristig Aufwand, riskiert aber mittelfristig höhere Integrationskosten, weil interne Fähigkeiten und Anschlüsse ans Ökosystem später unter Zeitdruck aufgebaut werden müssen", so die Autoren. "Für KMU ist das grösste Risiko nicht die Veränderung. Es ist, Kunden zu verlieren, weil man zu spät reagiert", sagt Roman Zoun, Head of Fintech and Digital Wallet von Swisscom, in der Studie.
Digitale Identitäten und Nachweise würden ihren Wert nicht primär als Einzelprodukt entfalten, sondern als Infrastruktur mit Netzwerkeffekten, lautet eine Erkenntnis der HSLU. "Je früher Organisationen verifizieren, integrieren und erste Nachweise in Prozesse überführen, desto schneller entstehen Routine, Standards, Partnerfähigkeit und Lernkurven in Architektur, Betrieb und Governance", heisst es in der Studie. Man rate deshalb Unternehmen, sich schon jetzt mit Anwendungsfällen der E-ID im eigenen Umfeld zu beschäftigen.
Report "Digitale Identitäten und elektronische Nachweise in der Schweiz"
Die Studie wurde vom Information Systems Research Lab der Hochschule Luzern – Informatik erstellt. Befragt wurden 78 Vertreterinnen und Vertreter aus Schweizer KMU. Die Umfrage fand zum ersten Mal statt und soll künftig jährlich wiederholt werden. Die Studie enthält auch Empfehlungen und E-ID-Anwendungsfälle. Sie kann kostenlos auf
der Website der HSLU bezogen werden.