Die Schweizer Softwarefirma ist verkauft. Wir haben mit den Verantwortlichen über die Zukunft von Xplain, aber auch die vorbelastete Vergangenheit gesprochen.
Xplain wird von der Schweizer Tochter der deutschen Chapters Group mit Sitz in Hamburg übernommen. Die Firmengruppe ist in mehreren Ländern aktiv und investiert eigenen Angaben zufolge "gezielt in kleine und mittlere Unternehmen mit 'Mission-Critical"-Dienstleistungen". Xplain ist die erste Firma, die von Chapters in der Schweiz übernommen wurde, aber "bei weitem nicht das einzige Unternehmen in ausländischem Besitz, das für die Behörden arbeitet", wie CEO Andreas Löwinger sagte.
Die Übernahme sei Startpunkt für den Ausbau in der Schweiz, erklärte Marc Maurer, der seit März 2024 Geschäftsführer von Chapters Software Switzerland ist. Maurer war zuvor unter anderem bei Delta Logic und Volaris tätig. Inside-it.ch hat mit ihm und Andreas Löwinger über die Situation nach dem Cyberangriff, die Übernahme und die Neukundengewinnung gesprochen.
Wie kam es zu diesem Deal? Wer hat wen gefunden?
Marc Maurer. Foto: zVg
Maurer: Der erste Kontakt entstand durch frühere Geschäftsbeziehungen. Bei Delta Logic, einem Wettbewerber im Bereich Gerichtssysteme, hatten wir bereits Berührungspunkte mit Xplain. Schon damals gab es lose Gespräche. Als ich im März 2024 bei der Chapters Group gestartet bin, habe ich mein altes Netzwerk wieder reaktiviert. Ich wusste, dass Xplain gut in unseren strategischen Ansatz passen würde. So hat der Prozess Fahrt aufgenommen.
Löwinger: Bei Xplain haben wir uns – wie in Verkaufsprozessen üblich – beraten lassen und tatsächlich mit mehreren Firmen verhandelt. Es war, unabhängig vom Cyberangriff, ein relativ normaler Prozess. Für uns war es wichtig, einen Partner zu finden, der die Kontinuität für unsere Kunden sichert und unseren Mitarbeitenden eine Zukunft bietet.
Die Chapters Group kennt man in der Schweiz noch nicht wirklich.
Maurer: Unser Ziel ist es, Verticals in der Schweiz aufzubauen. In Deutschland haben wir mehr als 20 Branchensoftware-Unternehmen, die zur Gruppe gehören – unter der Marke Ookam Software.
Nach dem Cyberangriff ist der Name Xplain vorbelastet. Wird er bleiben?
Maurer: Ja, der Name bleibt bestehen. Wir stehen zur Geschichte von Xplain. Sicher gab es nach dem Cyberangriff Schwierigkeiten. Aber Xplain hat daraus gelernt und ist mit neuen Strukturen und einer verbesserten Infrastruktur sehr gut aufgestellt.
Andreas Löwinger.
Löwinger: Mit Ausnahme des Kanton Waadt konnten wir mit allen Kunden weiterarbeiten. Auch die Mitarbeitenden sind geblieben, wir haben an die Zukunft der Firma geglaubt. Vor wenigen Tagen feierte Xplain seinen 24. Geburtstag. In dieser Zeit gab es Positives wie Negatives. Aber auch das Negative ist ein Teil unserer Geschichte und macht uns stärker.
Im Februar erklärten Sie uns, dass die Neukundengewinnung schwieriger sei. Wie sieht es heute aus?
Löwinger:Seit diesem Gespräch hat sich vieles entspannt. Nach dem Angriff stellte sich natürlich die Frage, ob die Firma überlebt. Das hat sich nun gelöst, was für Neukunden relevant ist. Eine Herausforderung bleibt die politische Ebene. Denn Zuschläge der öffentlichen Hand sind oft auch 'politische Entscheidungen'. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir bei Ausschreibungen teilnehmen und überzeugen können – auch in strategischen Partnerschaften, die wir zurzeit aufgleisen.
Maurer: Xplain hat bereits einige kleinere Neukunden gewinnen können. Jetzt liegen ein paar grössere WTO-Ausschreibungen auf dem Tisch, die wir bearbeiten. Unsere technische Due Diligence hat gezeigt, dass Xplain jetzt hervorragend aufgestellt ist. Die Software läuft auf einem sehr modernen Tech-Stack. Das ist gerade für neue Anforderungen, die sich beispielsweise mit Justitia 4.0 stellen, ein Vorteil. Auch die Kundenbefragungen zeigen eine hohe Zufriedenheit. Wir gehen erhobenen Hauptes in die Ausschreibungen.
Können Sie kurz umreissen, was die wichtigsten Massnahmen nach dem Cyberangriff waren?
Löwinger: Wir haben verschiedene Anpassungen vorgenommen, insbesondere im Bereich Datenschutz und bei der Fehleraufzeichnung. Auch unsere Prozesse für Software-Builds und -Austausch wurden überarbeitet und auditiert. Wir haben Vorgaben des NCSC und unserer Kunden umgesetzt.
Herr Löwinger, Sie haben Ihre Firma verkauft. Jetzt suchen Sie noch einen Nachfolger als CEO. Wollen Sie noch weitermachen?
Löwinger: (lacht) Ich habe meiner Pensionskasse schon mitgeteilt, dass ich länger arbeiten werde. Grundsätzlich macht es mir auch noch Spass.
Maurer: Es wird eine längere Übergangszeit geben. Andreas wird seine Expertise, gerade um das Thema öffentliche Ausschreibungen, weiterhin einbringen. Mittelfristig wird es eine neue Leitung geben.