Die KI-Firma Anthropic wirft chinesischen Rivalen vor, Anfragen von Nutzerinnen und Nutzern heimlich zu ihr umgeleitet zu haben, statt sie mit der eigenen Software zu beantworten. Dadurch seien zum Teil auch Daten staatlicher Stellen aus China und Russland in Systemen der US-Firma gelandet, schrieb Anthropic in einem ausführlichen Bericht zu Versuchen unerlaubter Nutzung.
So habe jemand Aufnahmen von Überwachungskameras unter anderem aus der Umgebung von Standorten der chinesischen Armee hochgeladen, mit dem Ziel, das Verhalten einer bestimmten Person in den Videos zu analysieren. Der Nutzer ging dabei davon aus, dass die Anfrage von der chinesischen KI-Software Kimi der Firma Moonshot ausgeführt wird. Kimi liess sie jedoch von Anthropics Claude erledigen, wie es in dem Bericht hiess.
Allein in einem Zeitraum von zehn Tagen habe Kimi fast 300'000 Kundenanfragen von Claude beantworten lassen, schrieb Anthropic. Dafür sei ein Netzwerk aus 5'380 Fake-Accounts genutzt worden.
Auch die noch bekanntere chinesische KI Deepseek fiel laut Anthropic mit solchen Tricks auf. Das habe unter anderem dazu geführt, dass Anfragen mit Daten einer Behörde aus dem Umfeld des russischen Verteidigungsministeriums zur US-Firma umgeleitet wurden. Darin enthalten gewesen seien auch gültige Einwahldaten für eine Datenbank der russischen Regierung.
Brisant für chinesische KI-Entwickler
Die Vorwürfe könnten einen Schatten auf das Ansehen der chinesischen KI-Branche werfen. Seit Anfang vergangenen Jahres hatten die günstigen KI-Modelle erst von
Deepseek und dann
Moonshot wiederholt für Beben an der Börse gesorgt. Anleger zweifelten zeitweise an den Geschäftsaussichten amerikanischer KI-Labore wie Anthropic oder OpenAI, weil der Eindruck entstand, dass leistungsstarke Künstliche Intelligenz mit deutlich weniger Aufwand trainiert werden könne.
Die US-Seite wirft den chinesischen Entwicklern unterdessen vor, in grossem Stil amerikanische Software wie Claude und ChatGPT benutzt zu haben, um ihre Künstliche Intelligenz anzulernen. Für diese in der Branche unter dem Namen "Destillation" bekannte Technik habe allein Kimi von Mai bis Juli 23 Millionen Mal auf Anthropic-KI zugegriffen, hiess es in dem Bericht.
Anthropic auch Forschern auf der Spur
Die KI-Firma hat zudem in den vergangenen Monaten nach eigenen Angaben mehrere Versuche von Forschern unterbunden, verschiedene Modelle ihrer Software Claude im Zusammenhang mit der möglichen Entwicklung von Biowaffen zu nutzen. Zugleich schränkte Anthropic ein, dass die Ziele solcher Anfragen schwer zu ermitteln seien, da entsprechende Forschung sowohl medizinischen als auch militärischen Zwecken dienen könne. Auf jeden Fall zeigten die Versuche aber, dass Wissenschaftler aus blockierten Regionen und mit Verbindungen zu dortigen staatlichen Stellen versuchten, heimlich auf KI amerikanischer Entwickler zuzugreifen, hiess es. Weder die Forschungseinrichtungen noch die Länder, aus denen sie stammen, wurden genannt.
In einem der Fälle sollte Claude dabei helfen, einen Förderantrag für sogenannte Gain-of-Function-Forschung zu verfassen, bei der die Übertragbarkeit eines Erregers erhöht wird. In einem anderen Fall ging es um die Erforschung einer Vogelgrippe-Variante, die auf Säugetiere übertragbar wäre. Zudem wurde versucht, die KI bei Fortschrittsberichten zur Erforschung eines Toxins einzusetzen. Solche Forschung kann zwar der Entwicklung von Gegenmitteln dienen, birgt laut Anthropic aber auch das Risiko eines Missbrauchs für die Entwicklung von Biowaffen.