Blockchain-Report: Crypto ist tot, lang lebe Crypto!

24. Februar 2022, 10:31
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John Lackland war von 1199 bis 1216 König von England.

Was war Hype, was ist das reelle Potenzial? Was ist von Technologie und Geschäft zu erwarten? Eine kommentierende Einordnung.

Bill Gates lag mit seiner Prognose zum Internet meilenweit daneben, als er es in den 1990ern als reinen Hype bezeichnete. Im ersten Podcast des Jahres hatten wir rückblickend getitelt: "Blockchain: Warum der Hype vorbei ist". Im Gegensatz zur absoluten Aussage von Gates ging es in dieser Artikel-Reihe aber vor allem darum, das tatsächliche Potenzial der Blockchain von Marketgeschrei und Illusionen zu unterscheiden. Zugegeben: keine einfache Aufgabe, sind Zukunftsurteile über junge Technologien doch generell schwierig. Und trotzdem soll nach den ausgiebigen Recherchen ein Ausblick gewagt werden. Denn nach über einem Jahrzehnt haben sich viele Fantasien in Luft aufgelöst, auch wenn im Umfeld der Blockchain-Technologie immer wieder neue Wirbel, Geschäftszweige und Finanzierungsmodelle entstehen.
Um ein treffendes Urteil fällen zu können, muss man aber erstmal wissen, dass es nicht nur eine Definition von "Blockchain" gibt. Wenn man der Analyse eine am Bitcoin-Whitepaper von 2008 orientierte Bestimmung zugrunde legt, wie im ersten Teil dieser Artikelreihe entwickelt, sind die reellen Use Cases der Technologie sehr beschränkt. Erst mit diesem Wissen im Hinterkopf, kann man die ursprünglichen Blockchain-Versprechen von den vielen Projekten unterscheiden, die sich in den Folgejahren mit dem Begriff "Blockchain" geschmückt haben, obwohl sie in der Tradition älterer Ansätze stehen.
Man muss darüber hinaus aber auch zwischen dem Potenzial der Technologie und den Geschäften in deren Umfeld unterschieden. Bis die US-Zentralbank Anpassungen in der Geldpolitik ankündigte, explodierten die Investitionen in Kryptowährungen, während zugleich mit NFTs (Glossar) neue finanzträchtige Anlagefelder erschlossen wurden. Und natürlich: Wenn viel Geld in einen Bereich fliesst, dann werden dort auch Ressourcen für Forschung und Entwicklung mobilisiert. Man kann also die unergründlichen Wege des Geldes und das Potential einer Technologie nicht ganz trennen, dennoch fokussiert sich dieser Report auf die Technologie (etwa in Teil 1 und Teil 2 des Blockchain-Checks).
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Die Tech- und Wissenschaftsberatung des Departments of Homeland Security der USA hat eine Grafik entwickelt, auf der man abchecken kann, ob eine Blockchain für ein Projekt geeignet ist.



Hype, Winter, Hype, Winter...

Davon zu trennen sind aber Marketing und Hype. Mehrere Gesprächspartner sagten, dass es unter dem Label "Blockchain" zumindest einfacher war, Geld für Projekte zu sammeln. Mittlerweile scheint es fast, als habe das allgemeinere Schlagwort "Krypto" jenes der "Blockchain" etwas verdrängt. Im Zuger Crypto Valley, das als Gradmesser für den Hype taugen dürfte, wurde nach zwei Boom- und Winter-Zyklen eine neue Phase eingeleitet: Mittlerweile arbeiten viele gestandene Firmen an Projekten, grosse Investoren sind eingestiegen, die Regulation spielt im Vergleich zum ICO-Boom (Glossar) eine grosse Rolle. Im Valley sieht man also eine neue Dynamik: Weg von der "Wild-West"-Mentalität und den Grundlagen wie der Entwicklung von Protokollen hin zu weniger marktschreierischen und dafür nachhaltigeren Geschäftsmodellen und Ansätzen. Auch deshalb ist es in Zug etwas ruhiger geworden.
Aber damit verliert der Hype um die Blockchain, der stark mit libertären Illusionen wie dezentralen Nationen oder dem Ersatz des Systems des Zentralbankgeldes verbunden war, auch an Faszination. Zugleich entwickelt sich das Geschäft in Richtung Finanzwelt, wo Anlage-Plattformen angeboten werden, die sich an der staatlichen Regulierung ausrichten. Mit Sygnum und der Seba Bank machten sich in diesem noch jungen Jahr bereits zwei Startups in Richtung Olymp der Unicorns auf. Welche Auswirkungen der Einbruch der Kryptowährungen und nun auch Sanktionsandrohungen in der EU haben werden, muss sich noch zeigen. Die Vorstellung, Kryptowährungen seien eine sichere Anlage, hat darunter auf jeden Fall stark gelitten. Was man bereits mit Sicherheit sagen kann: Damit entfernt sich die reelle Entwicklung von den Vorstellungen jener Pioniere, die vom Whitepaper aus dem Jahr 2008 aufgescheucht wurden und die Welt in den Hype mitrissen. Darum ging es in dieser Recherche: Warum gab es den Hype um die Basistechnologie? Und was bleibt davon übrig?

Neuer Hype, neue Enttäuschung?

Das Fazit lautet: Vieles war aufgeblasen. Utopisten setzten an die Stelle politischer Entscheidungen die technische Lösung, obwohl Technologie bloss Mittel sein kann. Das gilt auch für die nun wiederum vom libertären Geist durchdrungene Idee des Web3. Den Begriff gibt es zwar schon einige Jahre, erst jüngst hat er sich aber zum Marketing-Bulldozer gemausert, obschon er weder klar umrissen ist noch der breite Nutzen erkennbar ist, wie das IT-Magazin 'Golem' kürzlich aufzeigte. Selbst wenn das Web3 das Internet umkrempeln sollte: Seine Gestalt würde zwar auch davon abhängen, auf welcher Infrastruktur welche Applikationen implementiert und betrieben werden können, aber entscheidend wären wiederum politische Regulation und finanzielle Interessen. Das rief bereits informierte Kritiker auf den Plan und veranlasste zugleich Twitter-Gründer Jack Dorsey sowie Tesla-Chef Elon Musk zu spöttischen Kommentaren.
Wenn man sich die reellen Errungenschaften der Blockchain anschaut, bleiben auch nach über 10 Jahren intensiver Entwicklung viele ungelöste Probleme: Etwa was eine energiesparende Konsens-Lösung für offene Systeme betrifft oder wie man die physische Welt mit dem Krypto-Universum verbindet, ohne auf eine zentrale Instanz setzen zu müssen. Gehe es nun um Regulation oder um systematisches wie das Oracle-Problem (Glossar), fundamentale Fragen sind offen. Im Business- und Investorenumfeld sieht man die Technologie mittlerweile als Teil umfassender, aber auch etwas profaner Geschäftsfälle.
Geht man derweil in der Definition in die Breite und schaut sich die Distributed Ledger Technologie (Glossar) an, fällt das Urteil etwas anders aus: Diese konnte sich mit dem vielen Geld weiterentwickeln. Es scheint, als könnten sich verschiedene DLT-basierte Netzwerke durchsetzen. Entsprechend stellen sich die Stiftungen mit ihren jeweiligen Protokollen und Kryptowährungen auf: Zum einen differenzieren sie sich nach Branchen und wollen etwa für Supply-Chain-Tracking oder die Finanzsphäre eine spezifische Infrastruktur schaffen. Zudem nehmen einige Stiftungen mittlerweile Abstand vom reinen dezentral-unregulierten Ansatz, was zur Folge hat, dass auch hier abgestufte Infrastrukturen entstehen könnten.
Die Hoffnung ist also nicht tot, aber der grosse Hype der Gründerzeit ist vorbei. Die Blockchain wird die Welt nicht revolutionieren, wie die Crypto Boys glaubten, auch wenn uns DLT-Infrastrukturen erhalten bleiben könnten. Und auch wenn die grosse Dynamik in Finanzierung und Umfeld das Ende der Träume eine Zeit überlagerte, nun aber vorerst an ein Ende gekommen ist. Wenn sich allerdings ein Informatik-Altmeister wie Bill Gates derart über das Internet täuschen konnte, dann können einem Journalisten ohne Informatik-Ausbildung erst recht Fehler unterlaufen. Inhaltliche Kritik und Anmerkungen sind darum sehr willkommen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback und Kommentare, sei es zur ganzen Serie oder zu dieser Einordnung.

Dies ist der letzte Teil einer sechsteiligen Artikelserie.
Teil 1 Blockchain-Report: …und dann lief die Marketing-Maschinerie an Zwei Wissenschaftler, die sich intensiv mit der Blockchain und ihrem Potenzial beschäftigt haben, zeigen auf: Vieles ist Schall und Rauch aus der PR-Abteilung – aber nicht alles.
Teil 2 Aus der Wissenschaft: "Die Idee ist längst nicht tot" Die Leiterin eines Hochschul-Blockchain-Centers zeigt sich optimistisch. "Viele Hoffnungen haben sich in Luft aufgelöst", sagt indes ein Informatik-Dozent. Was steckt dahinter?
Teil 3 Blockchain-Check: Projekte von Firmen und Wissenschaft Im ersten Teil des Checks schauen wir Projekte von Unternehmen und Wissenschaft an: Cardossier, Quartierstrom und dHealth Network.
Teil 4 Blockchain-Check: Die Schweizer Startups Modum und Swissborg Im zweiten Teil des Checks nehmen wir das Supply-Chain-Startup Modum und das Fintech Swissborg unter die Lupe.
Teil 5 Das Crypto Valley in der Pandemie Wo steht der Blockchain-Standort Schweiz in Pandemie und zweitem Krypto-Winter? Wir haben uns in Zug umgesehen und mit Beteiligten gesprochen.
Glossar Begriffe zu Blockchain Kleine Bedeutungsübersicht von "B" wie Bitcoin bis "S" wie Smart Contract.

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