Blockchain-Report: Wie kommt das Zuger "Valley" durch den Kryptowinter?

22. Februar 2022, 11:02
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Die Blockchain-Hauptstadt Zug. Foto: Timon Stalder / Unsplash

Wo steht die Blockchain-Schweiz nach dem Boom? Wir haben uns in Zug umgesehen und mit Beteiligten gesprochen.

In der Schweiz ist eine kaum überschaubare Schar Startups aus der Blockchain-Welt beheimatet. Beteiligte, mitsamt Förderinitiativen, Co-Workingspaces, Consulting-Firmen und Investoren-Vereinigungen, bezeichnen die zusammengefassten Standorte gerne als "Crypto Valley". Gemeint ist damit die ganze Schweiz sowie Liechtenstein, das Herzstück bildet aber Zug mit seinen über 500 Blockchain-Firmen.
In der Blütezeit um 2018 feierte man sich selbst und die steigende Anzahl von Startups mit Milliardenbewertung, die sogenannten Unicorns. Finanzkräftige Investoren, Gesandte von Konzernen und Tech-Enthusiasten stiessen auf grossen Konferenzen auf die Zukunft an, Bundesrat Johann Schneider-Ammann nannte die Schweiz vor versammelter Startup-Mannschaft eine "Blockchain-Nation". Nach diversen Ungereimtheiten und Medienberichten über faule ICOs (Glossar) brach der Boom 2019 erstmal ab, die Finanzmarktaufsicht Finma nahm sich intensiv des Themas an. Der erste Kryptowinter brach über das Valley herein.
Zwischenzeitlich hatte es sich, nach ersten Ängsten in der Pandemie, aber zu neuen Höhen aufgeschwungen, wie ein Bericht der Zuger Investmentfirma CV VC zeigt. Das hatte vor allem mit dem wachsenden Interesse an Krypto-Investitionen und Projekten im Finanzumfeld, aber auch mit dem jüngeren Hype um NFTs (Glossar) zu tun. Dennoch war es ruhiger geworden, die Entwicklung schritt langsamer voran, als noch 2018 erhofft.
Pünktlich zum Abschluss unserer Recherchen setzte die Talfahrt der Kurse der Kryptowährungen ein. Der zweite Krypto-Winter brach herein, sogar die Rede von einer Krypto-Eiszeit machte die Runde. Sich in Zug ein Bild von der Situation zu machen, ist indes nicht einfach. Dies weil sich die Lage rasch ändert, was einerseits mit der Pandemie, aber andererseits auch mit den wechselnden Hypes zu tun hat. Bei Involvierten herrscht trotz allem demonstrative Zuversicht: Von einer neuen Innovationswelle sowie soliden Projekten war in Gesprächen mehrfach die Rede.

Die "Marktbewertung" des Crypto Valleys

Die Investmentfirma CV VC, die mittlerweile "Mr. Blockchain" Schneider-Amann als Verwaltungsrat und Investoren gewonnen hat, gibt jährlich einen Bericht zum Marktwert der 50 wichtigsten Schweizer Blockchain-Startups heraus. In diesem wird der Marktwert der jeweiligen Kryptowährung (Glossar) kurzerhand mit dem Wert der Trägerstiftungen gleichgesetzt. Damit machen es sich die Autoren sehr einfach und der Bericht ist angesichts der volatilen Kurse teils schon überholt, wenn er erschienen ist. Der Ansatz sei aber Branchenstandard, erklärt Studienautor Ralf Kubli auf Anfrage.
Der letzte Bericht für das 2. Halbjahr 2020 wurde um zwei Monate hinauszögert, weil dies "eine genauere Bewertung und Marktkapitalisierung" zeige, wie es von den Autoren damals hiess. In jenem Zeitraum bis Ende Februar 2021 zogen die Kurse stark an. Der aktuelle Bericht datiert nun wieder pünktlich auf Ende Dezember 2021, also vor der Talfahrt der Kurse im neuen Jahr. Als Vergleichsgrösse nimmt CV VC wiederum Dezember 2020, zwei Monate vor der Publikation des letzten Berichts. So kommen die Autoren des Reports zum Schluss: Die Marktbewertung belaufe sich nun auf fast 612 Milliarden Dollar, 464% mehr als im Vergleichszeitraum. Die Kursentwicklung von Ethereum, dessen Stiftung über 70% zur Bewertung des Valleys beiträgt, brach aber geradezu ein: Nach Neuigkeiten zu einer restriktiveren Geldpolitik der US-Zentralbank fiel der Kurs von Ende Dezember bis Ende Januar um deutlich über die Hälfte.
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Ralf Kubli

Man wollte die Bewertung wieder auf den Jahresabschluss verlegen und die Entwicklung im Rückblick über 12 Monate zeigen, sagt Kubli. In seinem Bericht stehen indes auch einige Zahlen, die aussagekräftiger sein dürften: So ist die Zahl der Blockchain-Firmen laut CV VC im Jahr 2021 von 960 auf 1128 angestiegen, während die Beschäftigtenzahl im Sektor von 5148 auf 6002 anwuchs. Nicht klar ist, welche Firmen mit welchen Abteilungen herangezogen werden, im Report sind auch Unternehmen wie Julius Bär, Swissquote, Swisscom Ventures, Six und PwC als "aktiv im Bereich" aufgeführt. Die Auswahl der Firmen beziehungsweise deren Einheiten sei sehr gezielt ausgewählt, so Kubli.
Die Top 50, die namentlich gelistet sind, beschäftigen mittlerweile 1010 Angestellte. Tatsächlich lasse sich eine neue Dynamik im Finanzbereich beobachten, sagt der Ökonom und Investor Alexander Brunner, der 2019 das Buch "Crypto Nation Switzerland" veröffentlicht hat.

Weniger Marktgeschrei, solidere Basis

Brunner ist im Valley engagiert, zugleich hat er sich den Realitätssinn bewahrt: "In der aktuellen Phase sind viel mehr etablierte Firmen an Bord, aber natürlich werden wir auch hier in einigen Jahren viele Projekte und Startups nicht mehr sehen", sagt er und ergänzt: "Es ist eine neue Dynamik im Crypto Valley zu beobachten", eine Art Phase 2.0, bei der es häufig um Tokenisierungs-Projekte gehe, also die Abbildung von Vermögenswerten auf der Blockchain. Das werde von der Dynamik in der Finanzwelt befeuert, wo ungeheure Summen in Kryptoanlagen fliessen würden, erklärt Brunner.
Das hat die "Financial Industry", den zweitwertvollsten Bereich im Valley, angetrieben. Ende 2021 trug er mit den 22 wichtigsten Firmen aber weniger als 10,5 Milliarden Dollar zur Marktbewertung nach den Kriterien von CV VC bei. Zugleich finden sich hier bekannte Namen wie die Seba Bank und Bitcoin Suisse. Die Financial Industry dürfte wirtschaftlich für die Schweiz deutlich wichtiger sein als die Protokollentwicklung. Das Geschäft hier sei auch nachhaltiger, betont Brunner. "Wild West" sei passé, mittlerweile seien die Geschäftsmodelle stärker in der regulierten Welt verankert. Und dabei sei die Schweiz führend.
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Alexander Brunner
Brunner betont: "Ich halte die Entschleunigung und auch das Abebben des Marktgeschreis für ein Qualitätsmerkmal". Blockchain-Firmen wollten heute erst auf solidem Grund stehen, bevor sie offiziell kommunizierten, das dauere natürlich länger. "Firmen, die heute ins Crypto Valley zuwandern, setzen meist auf Nachhaltigkeit ihres Geschäfts und auf die Anerkennung regulatorischer Vorgaben", so Brunner. Dabei hat das Valley für Blockchain-Utopisten und unbeteiligte Beobachter aber auch an Strahlkraft eingebüsst. Zeit für einen Augenschein vor Ort.

Zug: Blockchain-Lehrlinge und Businessclub

Daniel Rutishauser, Partner beim Zuger Blockchain-Spezialisten Inacta, empfängt uns im CV Labs in Zug: Über vier Etagen erstrecken sich hier Co-Workings-Spaces und Büros. Rund 130 Startups führen ihre Korrespondenz über den Hub und haben einen Briefkasten im Haus. Inacta hat das Startup-Labor mitinitiiert und pflegt eine enge Partnerschaft zur Betreibergesellschaft.
Es ist ruhig im CV Labs. Die Mitarbeitenden der Jungfirmen würden rund um den Globus arbeiten und auch die Pandemie habe etwas Ruhe einkehren lassen, sagt Rutishauser. Ökosystem und Community seien aber absolut zentral, man habe dem früher viel zu wenig Gewicht beigemessen. CV Labs betreibt in Dubai und Vaduz weitere Standorte. Die Betreuung der Community sei aufwendig und kostspielig, aber so sei man immer im Bilde, welche Firmen und Modelle sich bewähren würden, sagt der Inacta-Manager.
Ein ganzes Stockwerk des CV Labs belegt die Stiftung Tezos, die ihre Blockchain auf den Finanzsektor ausgerichtet hat. Eine Etage darunter gehen die ersten Schweizer "Blockchain-Lehrlinge" ihren Aufgaben nach. Im Erdgeschoss findet sich eine Cafeteria: funktionale Möbel, Nespresso-Maschine, Wasserkocher, ein Bitcoin-Automat. Wir gehen zwei Hauseingänge weiter zur Shed-Halle zwischen den CV Labs und dem Innovationsstandort von Inacta. Die Szenerie hier: dunkles Holz, viel Leder, einladende Sofas, eine gut sortierte Bar. Im privaten Member- und Networking-Club führen wir ein Gespräch. Rutishauser, der sich spontan Zeit genommen hat, unterschreibt zwischen den Fragen Unterlagen am Nachbartisch. Er sagt: "Inacta bedient grosse Firmen, von denen sich viele für die Lösungen aus Zug interessieren." Sein Unternehmen arbeitet mit der Investmentfirma CV VC zusammen.
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Daniel Rutishauser
Mittlerweile hätten sich im Valley vor allem gestandene Leute angesiedelt, kaum mehr Träumer, sagt Rutishauser. Das bringe Substanz, sei auf langfristige Geschäfte ausgerichtet. Auch habe man längst realisiert, dass Blockchain lediglich Teil einer umfassenden Lösung sei. Wie Brunner betont auch Rutishauser die Wichtigkeit des Finanzbereichs und der Projekte im Umfeld der Tokenisierung.

Wo geht die Reise hin?

Wohin aber steuern das Crypto Valley und die Blockchain-Technologie? "Schwierige Frage", sagt Ökonom und Autor Brunner: "Ich vermute, dass sich verschiedene Netzwerke für verschiedene Anwendungsfälle etablieren". Diese können nach Dezentralität, Geschwindigkeit oder Regulierungstiefe abgestuft sein, aber auch nach bestimmten Branchen. Rutishauser sieht dies ähnlich, glaubt aber, dass sich neben den eher spezifischen Infrastrukturen auch eine grosse Blockchain etablieren wird, auf der viele Anwendungen ausgeführt werden. Die Idee sei nicht, den Intermediär ganz zu verdrängen, sondern ihm eine neue Rolle für die Community oder die Entwicklung des Systems zuzuweisen, sagt er.
Derzeit schlage die Entwicklung Richtung mehr Zentralität aus, aber das pendle sich wieder ein, glaubt Rutishauser. 2018, als Schneider-Amman noch Bundesrat war, herrschte in Zug noch eine andere, geradezu revolutionäre Stimmung. "Es gab eine grosse Angst, den Hype zu verpassen", sagt der Inacta-Manager. Damals hatte er pro Tag bis zu 10 Aufträge auf dem Tisch, meistens musste er absagen. Nun seien die Projekte weniger, aber das Geschäft erwachsener geworden.
Das unterstreicht auch Ralf Kubli. Angesprochen auf die rapide fallenden Krypto-Kurse, verweist er auf gestandene Firmen wie die Börsenbetreiberin SIX, die auf der Distributed-Ledger-basierten (Glossar) Digitalbörse SDX Kryptoassets handelbar machen will. Welchen Einfluss der Einbruch noch auf das Valley haben wird, ob ein neuer Krypto-Traum geplatzt ist, muss sich noch zeigen. Klar ist: Das Geschäft, das heute in Zug betrieben wird, hat die Kindheit hinter sich gelassen.
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Der Park Tower überragt Zug.
Inacta hat Mitte Februar eine Kapitalerhöhung verkündet und neue Partner ins Boot geholt, darunter Daniel Sauter, ehemaliger Präsident der Privatbank Julius Bär. Irgendwann sollen die Gebäude des CV Labs und des Innolabs von Inacta abgerissen und neue Hochhäuser gebaut werden. Beachtlich, wenn auch nicht so hoch wie der 25 Etagen zählende Park Tower in direkter Nachbarschaft. Die Erbauer jenes Glasturms mit schwarzem Gerüst kämpften lange mit Planungsschwierigkeiten und Nutzungsstreitigkeiten um das oberste Stockwerk. Sollte der Immobilienmarkt einbrechen, bliebe ein physischer Gebrauchswert zurück. Kryptowerte existieren indes auf der Blockchain, auch wenn gewisse Token mit Finanzprodukten verbunden sind.

Dies ist der fünfte Teil einer sechsteiligen Artikelserie.
Teil 1 Blockchain-Report: …und dann lief die Marketing-Maschinerie an Zwei Wissenschaftler, die sich intensiv mit der Blockchain und ihrem Potenzial beschäftigt haben, zeigen auf: Vieles ist Schall und Rauch aus der PR-Abteilung – aber nicht alles.
Teil 2 Aus der Wissenschaft: "Die Idee ist längst nicht tot" Die Leiterin eines Hochschul-Blockchain-Centers zeigt sich optimistisch. "Viele Hoffnungen haben sich in Luft aufgelöst", sagt indes ein Informatik-Dozent. Was steckt dahinter?
Teil 3 Blockchain-Check: Projekte von Firmen und Wissenschaft Im ersten Teil des Checks schauen wir Projekte von Unternehmen und Wissenschaft an: Cardossier, Quartierstrom und dHealth Network.
Teil 4 Blockchain-Check: Die Schweizer Startups Modum und Swissborg Im zweiten Teil des Checks nehmen wir das Supply-Chain-Startup Modum und das Fintech Swissborg unter die Lupe.
Teil 6 Einordnung: Crypto ist tot, lang lebe Crypto! Was ist von Technologie und Geschäft zu erwarten? Was war Hype, was ist das reelle Potential? Die Resultate aus den Recherchen.

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