Blockchain-Check: Die Schweizer Startups Modum und Swissborg

17. Februar 2022 um 11:34
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Foto: Mika Baumeister

Auch beim Blick auf das Supply-Chain-Startup Modum sowie das Fintech Swissborg zeigt sich: Es steckt nicht überall Blockchain drin, wo Blockchain draufsteht.

Im ersten Teil des Blockchain-Checks ging es um Projekte aus der Wissenschaft und von grossen Firmen, die gemeinhin als erfolgreich angesehen wurden. Ein kritischer Blick zeigte jedoch: Es steckt nicht überall "Blockchain" drin, wo "Blockchain" draufsteht. In diesem zweiten Teil analysieren wir zwei Startups, die Aufmerksamkeit rund um die Technologie erregten.
Einerseits geht es mit Modum um ein Startup, das mit Blockchain-Ansätzen für Supply Chain und Tracking von sich Reden machte. Ein Bereich, der in der Diskussion häufig als besonders aussichtsreich gehandelt wird. Swissborg andererseits ist ein hoch bewertetes Fintech. Es bietet eine Lösung für das Krypto-Asset-Management an und ist damit in einem dynamischen Markt tätig, der für die Schweiz besonders wichtig ist.

Supply-Chain-Blockchain: grosse Ankündigungen, ungelöste Probleme

Das Startup Modum stiess vor zwei Jahren auf grosses Interesse, nachdem es 2018 den Digital Economy Award für Innovation gewonnen hatte. Das Unternehmen aus Zürich wollte nach eigenem Bekunden mit Blockchain die Lieferketten "transparent und intelligent" machen. Im Top 50 Report des Crypto Valley vom Februar 2021 wurde Modum noch mit 15 Millionen Dollar bewertet, nachdem das Startup 13,4 Millionen Dollar gesammelt hatte.
Die Pharmabranche, auf die sich Modum konzentrieren wollte, ist stark reguliert und konservativ, die Sales-Prozesse sind entsprechend langwierig. Dies hat offenbar zum Verkauf geführt: Im Juni 2021 übernahm der kalifornische IoT-Anbieter Roambee das Monitoring-Produkt von Modum mitsamt dem 12-köpfigen Team. "Wir stellten fest, dass es nochmals Jahre dauern wird, bis wir skalieren können", sagt Sacha Uhlmann, ehemals CTO von Modum und heute VP Product Engineering bei Roambee. So habe man sich nach einem starken Partner umgesehen und diesen im internationalen Anbieter einer Cloud-Plattform für die Lieferketten-Überwachung gefunden. Modums Hauptprodukt, der Temperatur-Tracker Modsense, wird nun ins System integriert.
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Sacha Uhlmann

Blockchain sei immer nur ein Teil des gesamten Systems gewesen. Uhlmann präzisiert, auf einer öffentlichen Blockchain habe man Hashwerte von Temperaturmessungen und Empfängern hinterlegt, um sicherzustellen, dass diese nicht nachträglich verändert werden. Zudem habe man mit Hyperledger Fabric auf ein privates DLT-System (Glossar) gesetzt. "Diese Anteile unseres Systems dienten vor allem der Innovation, sie waren aber keine Geschäftstreiber. Zumal die Firmen die Ansätze zwar interessant fanden, aber auch zurückhaltend waren", so Uhlmann. Bis heute seien zentrale Probleme in Sachen Regulation oder Einspeisung von Daten ungelöst.
Wie wird garantiert, dass die Informationen korrekt auf das System gelangen, wo sie unveränderlich gespeichert werden? Petra Asprion, die das Blockchain Competence Center an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) leitet und sich intensiv mit Supply-Chain-Lösungen befasst, sagt es gebe verschiedene Ansätze für dieses sogenannte Oracle-Problem (Glossar). Diese Ansätze setzten aber noch auf eine zentrale Instanz, was neben technologischen auch regulatorische Gründe habe. Dies muss nicht gegen das Geschäftsmodell sprechen, aber es unterläuft das Versprechen auf Dezentralität, Egalität und Offenheit.

Das Unicorn Swissborg: Eine Investitionsplattform mit Blockchain-Aura

In der Finanzwelt können Assets hingegen direkt auf einer Blockchain abgebildet werden, deshalb tritt das Oracle-Problem nicht notwendig auf. Der Finanzbereich wird als grosse Hoffnung in der Blockchain-Community und bei interessierten Firmen gehandelt. Im Zuger Crypto Valley sei hier eine ganz neue Dynamik entstanden, hiess es in mehreren Gesprächen. In der Finanzsphäre ist auch Swissborg tätig.
Das Lausanner Startup hat 2018 mit einem ICO (Glossar), der initialen Emission von Coins einer Kryptowährung, 52,5 Millionen Dollar gesammelt. Es verspricht mittels Blockchain, Smart Contracts und dezentralen autonomen Organisationen (DAOs) Dienstleistungen im Bereich Krypto Assets anzubieten. Swissborg wurde Anfang Jahr von der Investorenvereinigung CV VC mit über einer halben Milliarde Dollar bewertet. Das Unternehmen, das global rund 100 Mitarbeitende beschäftigt, schreibt salbungsvoll: "Wir glauben, dass Blockchain-Technologie jeden dazu ermächtigen kann, sein Vermögen zu kontrollieren. Das ist der nächste Schritt zu dezentralen Nationen, wo jeder willkommen ist und fair für seinen Beitrag belohnt wird."
Das Geschäftsmodell beruht derzeit aber weniger auf der Anwendung der Blockchain-Technologie, als auf dem Handel mit Kryptowährungen. In der App kommt zwar künstliche Intelligenz zum Einsatz, wie die Startupgründer schreiben, und sie setze auf einem Ethereum-Token (Glossar) auf. Auf die Nachfrage, welche Funktion die Blockchain-Technologie erfülle, hält sich das Startup bedeckt. Wenig konkret heisst es: In der App könne man über sein Smartphone in Crypto investieren, was dank Automatisierung keine besonderen technischen Kenntnisse voraussetze. Die Applikation greift auf die fünf Börsen Kraken, Bitfinex, Binance, HitBTC und LMAX zu und kauft beim jeweils günstigsten Anbieter.
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Die Swissborg-App

Die meisten Banking-Partner würden in ihrem Geschäft auf Blockchain setzen, allerdings nicht bei den Dienstleistungen für Swissborg. Als Grund nennt die Firma regulatorische Einschränkungen sowie finanzielle Vorteile gegenüber dem Aufbau neuer Systeme, die wiederum genehmigt werden müssten. Damit soll keineswegs in Abrede gestellt werden, dass Swissborg erfolgreich sein kann, aber man müsste es statt als Blockchain-Startup eher als Plattform für das Management von Kryptoinvestitionen bezeichnen.
Wie in den Firmenprojekten im ersten Teil des Blockchain-Checks, zeigt sich auch bei den beiden Jungfirmen: Der Begriff Blockchain ist werbewirksam und wird darum auch benutzt, wenn er mehr Etikett als technische Basis des Angebots ist. Bei Modum war der Blockchain-Aspekt von Anfang an nur ein kleiner Teil des Systems, er war Innovations- aber nie Umsatztreiber, die Firmenkunden blieben skeptisch. Dazu kommen ungelöste Probleme in Sachen Regulation und Technik. Diese Hürden stehen auch bei Swissborg im Weg, das Fintech bietet vor allem eine App für Kryptoinvestitionen. Sein Erfolg dürfte vom Investitionsboom in jene Anlagen befeuert werden, der in den letzten Wochen stark eingebrochen war, sich zuletzt aber etwas gefangen hatte.
Dies ist der vierte Teil einer sechsteiligen Artikelserie.
Teil 1 Blockchain-Report: …und dann lief die Marketing-Maschinerie an Zwei Wissenschaftler, die sich intensiv mit der Blockchain und ihrem Potenzial beschäftigt haben, zeigen auf: Vieles ist Schall und Rauch aus der PR-Abteilung – aber nicht alles.
Teil 2 Aus der Wissenschaft: "Die Idee ist längst nicht tot" Die Leiterin eines Hochschul-Blockchain-Centers zeigt sich optimistisch. "Viele Hoffnungen haben sich in Luft aufgelöst", sagt indes ein Informatik-Dozent. Was steckt dahinter?
Teil 3 Blockchain-Check: Projekte von Firmen und Wissenschaft Im ersten Teil des Checks schauen wir Projekte von Unternehmen und Wissenschaft an: Cardossier, Quartierstrom und dHealth Network.
Teil 5 Das Crypto Valley in der Pandemie Wo steht der Blockchain-Standort Schweiz in Pandemie und zweitem Krypto-Winter? Wir haben uns in Zug umgesehen und mit Beteiligten gesprochen.
Teil 6 Einordnung: Crypto ist tot, lang lebe Crypto! Was ist von Technologie und Geschäft zu erwarten? Was war Hype, was ist das reelle Potential? Die Resultate aus den Recherchen.

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