Digitale Autonomie für Europa "kaum mehr als eine Illusion"?

3. Mai 2022 um 14:54
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Laut einer Studie werden die Bemühungen der EU, die digitale Wirtschaft in ihren Mitgliedsländern zu stärken, die Abhängigkeit von anderen Ländern kaum verringern.

Die Europäische Union will bis 2030 im Rahmen eines "digitalen Jahrzehnts" mehr als 150 Milliarden Dollar für die Entwicklung digitaler Industrien bereitstellen. Damit soll der Rückstand auf die USA und China aufgeholt werden, wie man sich in Brüssel erhofft. Das Geld soll unter anderem in Chipfabriken, Quanten­technologie, das Gaia-X-Programm und vieles mehr fliessen.
Aber wie weit kann dieses Geld im Bereich der Digitalwirtschaft die Abhängigkeit der EU-Länder von anderen Ländern wirklich verringern? In einer von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegebenen und von zwei Forschern der Universität Bonn erstellten Studie heisst es: "Digitale Autonomie ist momentan kaum mehr als eine Illusion." Die Abhängigkeiten in allen Bereichen seien "weitaus umfassender und tiefgehender, als meist angenommen" und die "Autonomielücke" wachse tendenziell anstatt zu schrumpfen. Die zentrale Schlussfolgerung, die sich hieraus für politische Entscheider ergebe, wird jedoch in den europäischen Hauptstädten nur zögerlich ernst genommen.

Der Digitale Dependenz Index

Um die Lage zu verdeutlichen, haben die Studienautoren Maximilian Mayer und Yen-Chi Lu den sogenannten Digitalen Dependenz Index (DDI) entwickelt, der sogar eine eigene Website hat. Der DDI drückt im Prinzip aus, welcher Anteil der Nachfrage nach digitaler Technologie in einem Land durch einheimische Lieferanten abgedeckt wird, und wie viel aus einem anderen Land kommt. Ein Wert von 0 bedeutet, dass gar nichts importiert wird, ein Wert von 1, dass alles importiert wird, was natürlich auch eine maximale Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten bedeutet.

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Die "Schweregrade" des DDI-Werts.
Für ihre Studie haben die Forscher die DDI-Werte von 23 wirtschaftlich führende Staaten auf allen Kontinenten im Jahr 2019 errechnet. Das Fazit: Der DDI liegt in allen untersuchten Ländern im Bereich über 0,75, was für die Autoren eine "hohe Vulnerabilität" dieser Staaten im digitalen Bereich anzeigt. Zwischen 2010 und 2019 habe sich zudem nichts geändert. Für die europäischen Länder sei der DDI-Wert in der letzten Dekade fast genau gleich geblieben.

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Das Ausmass, aber auch die Heterogenität der Abhängigkeiten werde vor allem in drei Bereichen deutlich, beim Handel mit digitalen Gütern und Dienstleistungen im Bereich der Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen sowie hinsichtlich der geistigen Eigentumsrechte für digitale Technologien.
Unterschiede würden sich etwa beim Handel mit ICT-Gütern zeigen, wo tendenziell die niedrigste Abhängigkeit bestehe. Bei der Infrastruktur und den Patenten sei sie dagegen am höchsten.

Geplante Investitionen sind "Tropfen auf den heissen Stein"

Die bisherigen Initiativen für digitale Souveränität, so das Fazit der Bonner Forscher, würden zwar in die richtige Richtung gehen. Gaia-X zum Beispiel könnte die Abhängigkeit im Bereich Infrastruktur verringern. Aber, so Maximilian Mayer und Yen-Chi Lu: "Sie leiden allesamt an einem grundsätzlichen Konstruktionsfehler: ihre Dimensionierung ist um Grössenordnungen zu klein geraten." Die Investitionssummen seien schlichtweg zu gering und den Massnahmenpaketen mangle es zudem es an einer strategischen Gesamtausrichtung, um "die gewaltige Herausforderung meistern zu können".
Die von der EU-Kommission ausgerufene "digitale Dekade" in ihrer jetzigen Version sei deshalb kaum mehr als ein "Tropfen auf den heissen Stein". Und noch entscheidender, es fehle ihr die strategische Voraussicht. Beispielsweise sollten die von Kommissar Thierry Breton zur Ankurbelung der Halbleiterproduktion in Europa geforderten Milliarden nicht in an die Fertigungsstätten von heute, sondern in das Design der Chips von morgen fliessen. Dies würde die Abhängigkeit im Bereich der Patente verringern.


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