Die digitale Inklusion hat in der Schweiz im Jahr 2025 einen substanziellen Schub erhalten. Zwischen neuen regulatorischen Anforderungen aus der EU, einer wegweisenden Allianz und der anstehenden Revision des Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) wird klar: Barrierefreiheit ist weit mehr als ein "Nice-to-have" – sie ist ein Qualitätsmerkmal, der Schlüssel zu einer erfolgreichen, nutzerzentrierten digitalen Transformation und trägt massgeblich zu deren gesellschaftlicher Akzeptanz bei.
Lange Zeit wurde digitale Barrierefreiheit in der Schweizer IT-Landschaft als Nischenthema behandelt – oft delegiert an Spezialisten oder als letzter Punkt auf einer Checkliste vor dem Go-live, meist dann auch zu spät. Doch das Jahr 2025 markiert einen Wendepunkt. Wir blicken auf zwölf Monate zurück, in denen das Thema von der technologischen Peripherie zunehmend in den Fokus der strategischen Planung gerückt ist.
Die wichtigsten Erkenntnisse des Jahres
- Der Erfolg der Allianz Digitale Inklusion Schweiz (ADIS)
Ein prägendes Ereignis war zweifellos der erfolgreiche Start der Allianz Digitale Inklusion Schweiz (ADIS). Die ADIS hat dem Thema nicht nur einen erheblichen Boost gegeben, sondern verfolgt einen in dieser Form einmaligen Ansatz. Sie erkennt an, dass Inklusion auf zwei Säulen ruhen muss: Einerseits auf der strukturellen Barrierefreiheit der digitalen Welt und andererseits auf den individuellen digitalen Kompetenzen jedes Einzelnen.
Besonders inspirierend ist die Breite der Zusammenarbeit. Über 70 Organisationen – von Bundesbehörden und Kantonen über Privatunternehmen bis hin zu Forschungseinrichtungen und Verbänden der Betroffenen – arbeiten hier auf Augenhöhe zusammen. Diese institutionsübergreifende Zusammenarbeit ist entscheidend, um Wissenssilos abzubauen und praxistaugliche Lösungen zu etablieren, die langfristig Bestand haben.
- Der European Accessibility Act (EAA) und seine Wellen
Ein zentraler Treiber war der European Accessibility Act (EAA), welcher am 28. Juni 2025 in den EU-Mitgliedstaaten vollumfänglich in Kraft trat. Auch wenn die Schweiz kein EU-Mitglied ist, sind die Auswirkungen für hiesige Unternehmen bedeutend. Wer Dienstleistungen oder Produkte im EU-Raum anbietet – seien es E-Commerce-Plattformen, Banking-Apps oder Hardware –, muss die strengen Barrierefreiheitsvorgaben erfüllen. Während der EAA die ersten Chefetagen in Schweizer Unternehmen bereits erreicht hat, ist die volle Tragweite dieser regulatorischen Wende noch nicht überall angekommen. Accessibility muss hier erst noch konsequent als geschäftskritisches Compliance-Thema und zentrales Marktzutrittskriterium verankert werden.
- Politische Weichenstellungen, Aus- und Weiterbildung sowie Jubiläen
Auch innenpolitisch ist Bewegung in die Sache gekommen. Der Bundesrat hat sich zwar gegen die Inklusionsinitiative ausgesprochen, schlägt jedoch gleichzeitig konkrete Massnahmen auf Gesetzesebene vor. Dies unterstreicht, dass der Handlungsbedarf erkannt wurde.
Ein wichtiger Schritt zur Professionalisierung ist der Start des neuen CAS "Digitale Inklusion und Barrierefreiheit" der Berner Fachhochschule in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich. Diese akademische Verankerung zeigt, dass das notwendige Fachwissen nun systematisch aufgebaut wird und Barrierefreiheit als feste Kompetenz in der Schweizer Bildungslandschaft ankommt.
Ein besonders emotionaler Höhepunkt war das 25-jährige Jubiläum der Stiftung "Zugang für alle". Seit einem Vierteljahrhundert ist die Stiftung eine der treibenden Kräfte und verlässlicher Partner für Accessibility in der Schweiz.
- Die Ernüchterung: Studie zur kommunalen Barrierefreiheit
Trotz aller Euphorie gibt es in der realen Welt noch viel Handlungsbedarf. Eine umfassende Studie von 70 Webseiten Schweizer Gemeinden zeigte ein ernüchterndes Bild: Keine einzige Seite war vollständig barrierefrei. Dies ist ein Alarmsignal. Wenn die Basis der demokratischen Teilhabe – die Kommunikation der Gemeinden mit ihren Bürgern und Bürgerinnen – digital versagt, besteht dringender Handlungsbedarf. Es verdeutlicht, warum die Arbeit der ADIS und der Wissensaustausch so entscheidend sind.
- Sichtbarkeit durch Events
Highlights wie der zweite nationale Tag der Digitalen Inklusion mit vielen Aktivitäten im ganzen Land und die Fachtagung E-Accessibility vor Ort bei Google in Zürich haben gezeigt, wie gross das Interesse ist. Mit über 200 Gästen vor Ort und mehr als 700 Online-Teilnehmenden wurde deutlich: Die Community wächst und ist hungrig nach Know-how.
Ausblick: Was uns 2026 erwartet
Die Dynamik des vergangenen Jahres wird sich im kommenden Jahr hoffentlich intensivieren. Ich erwarte drei zentrale Entwicklungen:
- Das nationale Accessibility Monitoring
Ein Meilenstein für das nächste Jahr wird die Pilotstudie des nationalen Accessibility Monitorings der ADIS sein. Bisher fehlte es oft an Daten über den tatsächlichen Zustand der digitalen Barrierefreiheit in der Schweiz. Mit dem Monitoring basierend auf einer neu entwickelten "Continuous Compliance Monitoring"-Plattform schaffen wir eine Faktenbasis, die es erlaubt, Fortschritte sichtbar und messbar zu machen und gezielt dort zu unterstützen, wo die Lücken am grössten sind.
- Die Revision des Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG)
Ein wichtiges politisches Geschäft ist die Revision des BehiG, über welches der Nationalrat 2026 berät. Hier zeichnet sich eine wegweisende Änderung ab: Der Bundesrat sieht mit der Vorlage konkrete Barrierefreiheitsvorgaben für digitalen Dienstleistungen auch für private Unternehmen vor. Diese Stossrichtung folgt der Logik des EAA und ist ein entscheidender Schritt für die Gleichstellung und Selbstbestimmung.
- Stärkung der Synergien
Das Ziel für das kommende Jahr ist klar definiert: Wir wollen die Zusammenarbeit innerhalb der Allianz weiter stärken. Es gilt, Synergien zwischen Forschung, Wirtschaft und Betroffenenverbänden noch effizienter zu nutzen. Wir müssen aufhören, das Rad jedes Mal neu zu erfinden. Best Practices müssen geteilt, Open-Source-Accessibility-Tools gefördert und die Ausbildung von IT-Fachkräften grundlegend angepasst werden.
Fazit
Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs. Das Jahr 2025 der digitalen Barrierefreiheit hat gezeigt, dass die Schweiz bereit ist, diesen Weg gemeinsam zu gehen.
Die ICT-Branche trägt hierbei eine besondere Verantwortung. Sie kann einen zentralen Beitrag für eine digitale Welt ohne Barrieren leisten. Lassen Sie uns die kommenden 12 Monate nutzen, um aus der Vision einer inklusiven digitalen Schweiz eine gelebte Realität zu machen. Gemeinsam, auf Augenhöhe und mit dem klaren Ziel, niemanden zurückzulassen.
Der Autor
Markus Riesch ist Leiter der Geschäftsstelle E-Accessability im Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen und Co-Präsident der Allianz Digitale Inklusion Schweiz (ADIS).
Im Jahr 2025: Die wichtigen Tech-Themen
Barrierefreiheit, Cybersicherheit, digitale Souveränität, KI, Schweizer Software, Startups und vieles mehr – Expertinnen und Experten ziehen in ihren Gastbeiträgen eine Bilanz des vergangenen Jahres und blicken voraus.