Die SBB erfassen bereits heute Daten von Passanten per Kamera. Wie der Konzern seine erweiterten Ansprüche umsetzt, kann man noch gar nicht wissen.
Nach einer Welle öffentlicher Kritik verteidigen die SBB ihr "Messsystem für Kundenströme" – aus den Medien auch bekannt als "totaler Überwachungsbahnhof" ('Watson'), "Geschäftsmodell China" ('Tagblatt') oder "Spionage-Angriff" ('Blick'). Es werde keine Gesichtserkennung eingesetzt, Daten würden anonymisiert erfasst und es gebe keine Verknüpfung mit dem Swisspass, versichert der Bahnkonzern. Das ist laut Mitteilung keine Kurskorrektur, sondern war von Anfang an so vorgesehen.
So richtig überzeugt sind die Verantwortlichen dann offenbar doch nicht, weshalb die Ausschreibung ergänzt und präzisiert wurde. "Die Simap-Ausschreibung war sehr technisch formuliert und stellenweise schlicht missverständlich", erklärt Alexis Leuthold, Leiter Bewirtschaftung bei Immobilien, in den hauseigenen News.
Man kann in der Präzisierung (PDF) lesen, wozu die SBB die vielen Informationen benötigen: Reinigung, Sicherheit und Publikumsflächen. In den Unterlagen ist aber zudem die Verbesserung der "kommerziellen Performance von Shops" vorgesehen, die auch eine Analyse der Kundensegmente voraussetzt. Das gehört nicht zum Grundauftrag der SBB und setzt eine demografische Erhebung voraus. Wie diese konkret umgesetzt wird, können die SBB noch gar nicht wissen. Auf die Ausschreibung werden sich erst Anbieter finden müssen, die Lösungen vorschlagen.
Nur halbwegs überzeugende Erklärung
SBB-Manager Leuthold will in den Hausnews beruhigen: Man messe bereits heute an Ein- und Ausgängen die Zahl der Nutzenden. Das ist aber nur die halbe Geschichte, wie die Ausschreibungsunterlagen zeigen. Bereits heute laufen Sensoren in Personenunterführungen und Shop-Passagen. Diese werden aber noch nicht demografisch klassifiziert, wie die Pressestelle der SBB erklärt. In den Ausschreibungsunterlagen wird ersichtlich, dass dies künftig aber geplant ist (siehe Grafik). Die Kategorisierung in Fünfjahresschritten legt nahe, dass die Sensoren und Software exakt klassifizieren können – ob die Einteilung stimmt, steht auf einem anderen Blatt, der Sensor muss indes Details erkennen. Es handle sich bei der Grafik aber nur um ein Beispiel, so die Pressestelle.
Beispiel: Auswertung nach Altersklassen und Geschlechter. Grafik aus den Ausschreibungsunterlagen der SBB.
Der Vertrag mit dem bisherigen Anbieter laufe aus, man wolle nun auf den neusten Stand der Technik upgraden, so Leuthold. Ein Personentrackingsystem (PTS) wird seit 2021 von der Zürcher Firma Analysis Simulation Engineering (ASE) betrieben, die damals 10,2 Millionen Franken erhielt. Und: Deren Vertrag läuft bis Ende Mai 2025, wie den damaligen Ausschreibungsunterlagen zu entnehmen ist. Es handle sich dabei aber um einen zweiten Vertrag, so die Pressestelle der SBB auf Anfrage. Das System der Firma ASE kann körperliche Merkmale erkennen, zudem vergibt es über den gesamten Erfassungszeitraum eine Identifikationsnummer – die aber nicht personalisiert ist und bei jedem Eintritt in einen Bahnhof neu vergeben wird. Dies geht aus den Unterlagen von 2021 hervor.
Zwar kein Geschäftsmodell "China", aber…
In den Unterlagen zum neuen Auftrag heisst es, dass die Sensoren möglichst unauffällig angebracht sein sollen – eine rein ästhetische Entscheidung, heisst es von der SBB. Im Idealfall übernehme der neue Anbieter die Hardware des bestehenden Kundenfrequenzsystems. Dieses ist für den Grundauftrag der SBB wichtig, schliesslich müssen sie Pendlerströme durch ihre Bahnhöfe führen. Allein der Hauptbahnhof Zürich bewältigte 2021 rund 286'000 Passagiere pro Tag. Diese wollen pünktlich ihre Verbindungen erreichen und erwarten eine saubere Infrastruktur.
Ein Geschäftsmodell "China" ist das nicht. Erklärungsbedarf besteht aber nach wie vor – gerade zu jenem Teil des Projekts für kommerzielle Anbieter, der nicht zum Grundauftrag des Bundesbetriebs gehört.