Vogt am Freitag: Wertedebatte

19. April 2024 um 07:00
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Europäische Datenschützer wollen den 5er und das Weggli von Facebook. Das ist unrealistisch. Problematisch ist aber etwas anderes. Die Gratismentalität.

Seit Ende Jahr können Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer in Europa und der Schweiz jeden Monat ein Zehnernötli an den Meta-Konzern überweisen. Im Gegensatz dazu garantiert das Unternehmen erstens einen werbefreien Zugriff auf das Konto und andererseits, dass die Daten dieser Personen nicht für Werbung an anderer Stelle verwendet werden.
Ob der zweite Teil der Aussage stimmt oder nicht, kann niemand überprüfen. Man muss es Meta schlichtweg glauben, dass der Konzern die eigenen Daten nicht für Werbezwecke nutzt. Ich habe meine Zweifel, dass dem wirklich so ist. Belegen kann ich meine Skepsis freilich nicht, es ist mehr ein Bauchgefühl. Aber die Vergangenheit hat mich gelehrt, dass wenn ein Unternehmen Daten sammeln und nutzen konnte, es dies auch getan hat.

EU-Forderung fernab jeder Realität

Und ähnlich wie mir ergeht es wohl auch den Datenschützern der Europäischen Union. Diese finden, dass Meta trotz des Bezahlabos gegen die Datenschutzgrundverordnung verstösst. Sie fordern den Konzern auf, kostenlose Alternativen anzubieten, bei denen "keine oder weniger personenbezogene Daten verarbeitet werden." Diese Forderung ist natürlich nachvollziehbar, aber sie ist leider fernab jeder Realität. Es ist, als dürften ungesunde und zuckerhaltige Joghurts gratis abgegeben werden, die zuckerfreien Varianten gibts für einen Fünfliber und die zuckerreduzierten, nun ja – eben auch gratis.
Verständlich ist die Forderung nach einem "gesunden" Gratis-Facebook aber deshalb, weil die Zahlungsbereitschaft dafür ohnehin gegen null tendieren dürfte. Ich weiss nicht, wie viele Menschen Facebook überzeugen konnte, das werbefreie Abo zu lösen. Mehr als eine Person pro einer Million Nutzer dürfte es aber kaum sein.

Für Inhalteanbieter gibts zwei Geschäftsmodelle

Aber das Problem lässt sich noch viel breiter fassen: Für Inhalteanbieter, wie Facebook einer ist, aber auch wir als inside-it.ch und alle anderen Medien, gibt es vereinfacht gesagt zwei Geschäftsmodelle: Entweder die Konsumentinnen und Konsumenten zahlen dafür, oder jemand anderes. Und dieser "jemand anderes" kann entweder der Staat sein (wie bei der SRG), Mäzeninnen und Mäzene (wie Anfangs bei der 'Republik') oder Werbekundinnen und Werbekunden (wie bei uns).
Problematisch an der ganzen Geschichte ist (analog zu Facebook), dass die Lancierung von '20 Minuten' anno 1999 in der Schweizer Bevölkerung die Gratismentalität im Bereich Medien überhaupt erst möglich gemacht hat. Seitdem ist die Zahlungsbereitschaft für Medien gesunken, was dem Journalismus stark geschadet hat. Weil nur wenig später Google und Facebook auftauchten und sich einen grossen Teil des Werbefrankens sicherten (durch gezielteres und besseres Targeting), ist die Finanzierung von unabhängigem Journalismus nicht einfacher geworden.

Unspezifische Werbung ist vielleicht nicht kostendeckend

Was ich damit sagen will: Statt von Facebook (und Co.) neue Alternativen in Sachen Abomodellen zu verlangen, sollte man ihnen besser auf die Finger schauen, welche Daten sie von ihren Nutzerinnen und Nutzern tatsächlich an ihre Werbekundschaft weitergeben. Ohne diese Kontrolle sind sämtliche Bemühungen nutzlos. Und in der Schweiz muss man feststellen, dass '20 Minuten' dem Journalismus einen Bärendienst erwiesen hat, indem es den Menschen einimpfte: Journalismus ist gratis. Ein Leser von inside-it.ch kommentierte unter einem Artikel korrekt: "Unter Umständen könnte unspezifische Werbung nicht kostendeckend sein." Und das kann für viele Medien tödlich sein.
Vogt macht Ferien. Die nächste Kolumne erscheint am 10. Mai.

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