Nachfolgefirma von Crypto mit existentiellen Problemen?

9. März 2020, 12:52
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Der Bund blockiert Exportgesuche von Crypto International. Ein 'Washington-Post'-Journalist erklärt zudem, wie die CIA Crypto AG konkurrenzfähig hielt.

Die "Crypto Leaks" beeinflussen den Geschäftsgang einer der drei Nachfolgefirmen von Crypto AG stark. Die 'NZZ' meldet, dass Crypto International AG, die das globale Geschäft übernommen hat, Ausfuhrgesuche beim Seco hängig hat. Die Behörden würden "die Exportanträge der Nachfolgefirma jedoch offenkundig als politisch heikel einschätzen", so die Zeitung. Vermutlich werde der Bundesrat über die Exportgesuche entscheiden. "Von den involvierten Bundesstellen dürfte sich keine die Finger verbrennen wollen."
Der neue Besitzer von Crypto International mit Sitz in Zug sei verärgert über das Vorgehen, und die Firma droht laut 'NZZ' nun in existenzielle Probleme zu geraten. "Wir verkaufen oder unterhalten keine der Produkte, die in den Medienberichten erwähnt worden sind," so Firmeninhaber Andreas Linde. Es werde nun zu einer Aussprache zwischen dem Seco und Crypto International geladen, so die Zeitung.

"Im Wesentlichen eine CIA-Tochter?

Aber auch die Vergangenheit um die manipulierten Verschlüssler der Zuger Crypto AG, beziehungsweise der Muttergesellschaft der Schwesterfirmen Crypto AG und Infoguard AG namens The Crypto Group, beschäftigt Medien und Fachleute weiterhin. Die CIA-Dokumente haben die recherchierenden Medien bis anhin nicht offengelegt. Interessant ist gleichzeitig, dass die publizierten Recherchen die Firmengeschichte bis weit in die 1990er Jahre belegen, aber nicht für die Zeit bis zum Crypto-Ende 2018. "Von 1970 bis 1998 war sie im Wesentlichen eine Tochtergesellschaft der CIA", so die Medien. Im Wesentlichen? Was dies konkret bedeutet, bleibt in den Recherchen von 'ZDF', 'SRF' und 'Washington Post' unklar. "Mehrere Quellen sagen gegenüber der 'Rundschau', dass die Operation mindestens bis 2018 weiterlief", berichtet 'SRF' vergleichsweise wortkarg.
Jedenfalls habe das Seco nach der Jahrtausendwende Exporte für Verschlüsselungstechnologie im Wert von rund 350 Millionen Franken bewilligt, hat 'SRF' nachgerechnet. "Es ist naheliegend, dass es sich dabei grossmehrheitlich um Exporte der Firma Crypto AG handelt. Die Firma hatte in der Schweiz in diesem Zeitraum mit einer Ausnahme, der inzwischen liquidierten Omnisec AG, kaum namhafte Konkurrenten."

"Macht weiter"

Greg Miller, einer der an der Recherche beteiligten Journalisten der 'Washington Post', beantwortete Fragen des Radios 'NPR' zum Thema 1999 bis 2018. Er sagt, es habe nach 1998 eine nachrichtendienstliche Tätigkeit gegeben. "Die CIA steckt immer wieder Geld in diese Sache, verkauft weiterhin Geräte. Sie führen immer wieder neue Produkte ein und bringen sie auf den Markt. (…) Sie sagen: 'Macht weiter. Wir sollten dies so lange ausnutzen, bis wir keinen anderen Grund mehr finden, um es weiter voranzutreiben. Und so führen sie es bis 2018 weiter."
Auch zu F&E und möglichen Mitwissern gibt Miller Antwort. Auf die Frage, ob Crypto die normale Führungsstruktur eines Unternehmens hatte und ob diese Führung wusste, was vor sich ging, antwortet Miller: "Die Firma (…) versuchte, den Anschein zu erwecken, als ob sie immer noch als Privatunternehmen funktionieren würde. Also ja, es gibt einen Verwaltungsrat. Es gibt einen Verwaltungsratsvorsitzenden. Es gibt eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Es gibt Dutzende, wenn nicht Hunderte von Mitarbeitern in dieser Firma. Aber insgeheim gibt es immer eine kleine Anzahl, normalerweise nur ein oder zwei – der Geschäftsführer der Firma und ein oder zwei Vorstandsmitglieder – die die Wahrheit kennen und die für die Ausführung der Befehle des CIA und des BND verantwortlich sind."

Kisten voller Rolex und Zürcher Bordelle

Der Interviewer will auch wissen, wie sich Crypto AG die Innovationskraft und hohen Marktanteile in der Privatwirtschaft erhalten konnte: "Es hat sich herausgestellt, dass man mit den US-Geheimdiensten in der Tasche in gewisser Weise einen ziemlich grossen Vorsprung vor der Konkurrenz hat. Die Dokumente zeigen, dass die CIA Crypto grosse Mengen an Bargeld gab, um ihre Geräte zu vermarkten, um diese Maschinen in Länder zu verkaufen, wo es sonst nicht profitabel wäre, an Orte, an denen sich Crypto sonst wahrscheinlich nicht einmal die Mühe gemacht hätte, ein Konto zu eröffnen. Aber die CIA wollte, dass diese Länder, einschliesslich vieler afrikanischer Länder, zu Crypto-Kunden wurden, und so finanzierte sie den Verkauf dieser Geräte an diese Regierungen."
Auch bei F&E erhielt Crypto AG freundliche Unterstützung, offenbar nicht nur vom CIA, sondern auch von Motorola: "Also bringen die USA Motorola ein, um Crypto manchmal dabei zu helfen, fortschrittlichere Maschinen zu bauen. Die NSA entwickelte die Algorithmen, die in die neuesten Geräte einflossen, die Crypto in den 70er, 80er und 90er Jahren sowie in den 2000er Jahren verkauft hat. Ich meine, Crypto stützte sich zeitweise stark auf das technische Know-how der US-Spionageagenturen, um seine Produkte besser aussehen zu lassen als die der Konkurrenz, obwohl sie in Wirklichkeit diese Produkte anfälliger für die Überwachung durch die USA machen."
Gleichzeitig habe eine Desinformationskampagne stattgefunden, um den Schweizer Konkurrenten Gretag in Misskredit zu bringen: "CIA und der US-Geheimdienst halfen, eine Art Hetzkampagne auf der ganzen Welt zu orchestrieren, um Desinformationen zu verbreiten, dass man Gretags Geräten wegen Schwachstellen nicht trauen könne. Und dann gab es – auf jeden Fall – Bestechung. Die Dokumente beschreiben, dass die Crypto-Führungskräfte bei einem Sales-Meeting mit saudischen Beamten Kisten voller Rolex-Uhren mitbrachten und dass sie saudische Beamte in die Schweiz brachten, um angeblich Trainingskurse über den Umgang mit den Geräten abzuhalten. Diese waren in Wirklichkeit nur Reisen, damit die Saudis auf Kosten der Firma Bordelle in und um Zürich besuchen konnten", erklärt Miller 'NPR.' 

Der Niedergang von Crypto AG und der Konkurrenz

Den wirtschaftlichen Abstieg von Crypto AG haben wir exklusiv recherchiert. Zu den Gründen könnte aus heutiger Sicht auch ein Rückzug der US-Geheimdienste gezählt werden. Weniger Bargeld, weniger Hilfe bei den Algorithmen. Die sinkenden massgeschneiderten Crypto-Lösungen seien nicht mehr so leicht verkäuflich, schrieben wir 2017 exklusiv. "Sie seien viel teurer und technisch nicht unbedingt überlegen, meinen Security-Experten."
Das Aus des Crypto-AG-Konkurrenten Gretag/Omnisec haben wir rapportiert, ebenfalls die wechselvolle Geschichte zusammengefasst.
Die weiteren Nachfolge-Firmen von Crypto AG – CyOne Security und Infoguard – sind personell nach wie vor eng verknüpft, auf Ebene Verwaltungsrat, Geschäftsleitung und Produktentwicklung. Infoguard betont, man sei unabhängig gewesen und die von Crypto hergestellten Verschlüsselungsgeräte, die mutmasslich mit Infoguard-Label verkauft wurden, seien weder manipuliert noch mit Hintertüren versehen, so die Firma auf Anfrage. Sie würden auf dem anerkannten Standard-Algorithmus (AES 256) basieren.
Korrigenda: Infoguard ist keine Nachfolgefirma von Crypto AG, sondern gehörte als Schwesterfirma von Crypto AG zu The Crypto Group.

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