Prantl behauptet: Die Massenentlassungen bei Google & Co. entschärfen den Fachkräftemangel

30. Januar 2023 um 08:00
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Die Entlassungswelle der Big Tech erreicht wohl bald die Schweiz. Unser Kolumnist Urs Prantl analysiert, welche Auswirkungen dies auf Schweizer IT-Firmen haben könnte.

In den letzten Wochen haben die Big-Tech-Firmen Meta/Facebook, Amazon, Microsoft, IBM und Google Massenentlassungen angekündigt. Allesamt sind sie auch mit mehr oder weniger grossen Belegschaften in der Schweiz tätig. Ob und in welchem Umfang allerdings auch Schweizer Angestellte von der Entlassungswelle betroffen sind, ist noch unklar. So schreibt inside-it.ch Ende der letzten Woche "'Zoogler sorgen sich um ihre Jobs", ohne allerdings (noch) Konkretes vermelden zu können.
Ebenfalls Ende der letzten Woche war auch von einer anstehenden Entlassungswelle bei SAP zu lesen. Ein klares Zeichen, so meine ich, dass die Massenentlassungen der grossen IT-Konzerne auch vor unserer Tür kaum Halt machen werden.
Bedeuten diese Entwicklungen nun, dass es auch in der Schweiz in Bälde hunderte, oder gar tausende IT-Fachleute auf den Markt spülen wird? Und, was heisst das für hiesige IT-KMU? Dazu einige Gedanken von mir.
Die Erfahrung zeigt, dass Ankündigungen von Massenentlassungen in grossen Konzernen, die nach wie vor profitabel sind und nicht etwa kurz vor dem Konkurs oder einer Übernahme stehen, faktisch oft nicht zum beabsichtigten Stellenabbau in der geplanten Grösse führen. Das hat primär mit der Börsennotierung dieser Unternehmen zu tun. So werden kostendämpfende Massenentlassungen im Zweifel lieber etwas übertrieben, um Investoren und Märkte zu beruhigen. Mit einer möglichst hohen Zahl an angekündigten Stellenstreichungen soll vor allem auch verhindert werden, dass man einige Monate später noch einen drauflegen muss. Also erstmal lieber eine hohe Zahl kommunizieren, um sie später dann wieder nach unten korrigieren zu können. Falls das dann noch eine RR-Meldung wert ist.
Wieso setzen viele IT-Giganten aktuell auf den Abbau von Tausenden von Stellen? Bei Google sprechen wir immerhin von 6% der weltweiten Belegschaft, bei Microsoft von 5% und bei Meta sogar von 13%. Hat sich das Marktumfeld tatsächlich so stark verschlechtert? Brechen die Umsätze und Gewinne in ähnlichen Grössenordnungen ein? Und, hat es für alle die freigesetzten Mitarbeitenden auf einmal keine Arbeit mehr? Fragen über Fragen.
Tatsache ist, dass hierzulande nach wie vor ein akuter Fachkräftemangel in der IT herrscht. Egal, mit wem ich spreche, die meisten IT- und Softwareunternehmen in der Schweiz – aber auch im nahen Deutschland – könnten deutlich mehr Projekte machen, wenn sie das dafür nötige Personal hätten. Darüber waren sich auch alle Besucher der "Focus on Future"-Veranstaltung "Wachstum ohne Chancen, doch uns fehlen die Leute dazu" von letzter Woche in Baden einig. Gabriela Keller von Ergon, Referentin an diesem Abend, meinte sogar auf meine Frage nach ihrer Einschätzung zur Google-Massenentlassung mit einem verschmitzten Lächeln: "Wir sind bereit und strecken bereits unsere Fühler aus."
Ich bin nach wie vor zuversichtlich, dass sich die Arbeits- und Projektlage im Schweizer IT-Business in absehbarer Zeit nicht eintrüben wird. Im Gegenteil, der nach wie vor extrem hohe Effizienz- und Digitalisierungsdruck in der Wirtschaft und im öffentlichen Sektor wird weiter zunehmen. Was dazu führt, dass sogar bei Null- oder Minuswachstum weiter kräftig in die IT und IT-Security investiert werden wird, nein sogar muss. Ergo müssten Massenentlassungen bei Google & Co. in Zürich und im Rest der Schweiz zu einer klar spürbaren Entschärfung des Fachkräftemangels führen. Wenn da nicht mein letzter Gedanke wäre.
Ergon und andere grössere, technisch an vorderster Front tätige und gleichzeitig gut positionierte IT- und Softwareunternehmen werden sicher von den freiwerdenden "Zooglern", "Microsoftianern" und ehemaligen Facebook-Mitarbeitenden profitieren können. Auf das Durchschnitts-KMU trifft das aber nicht zu. Die Gründe dafür erläuterte Jacqueline Badran eben erst im 'Tages-Anzeiger' unter dem Titel "Google war für Zürich ein Glücksfall" – "Eher ein Unglücksfall". Als da sind die Löhne und sonstigen Benefits, die die Leute verdorben haben und die von den meisten IT-KMU gar nicht bezahlt werden können. Des Weiteren sind deren Jobs aus der Sicht der ehemaligen Big-Tech-Angestellten deutlich weniger attraktiv, weil kaum international und weniger innovativ.
Schwappt daher die Entlassungswelle der Big Tech auch auf die Schweiz über, wovon ausgegangen werden muss, so wird das den Fachkräftenotstand in der IT etwas entschärfen. Die Mehrzahl der mittleren und kleineren IT-KMU wird davon aber nicht viel merken, so fürchte ich.
Urs Prantl kreiert zukunftssichere und gesund wachsende IT-Unternehmen und begleitet ihre Unternehmerinnen und Unternehmer bei der Unternehmensnachfolge und beim Firmenverkauf. Gleichzeitig ist er Host des Podcasts "Prantls 5A", in welchem die strategische Einzigartigkeit erfolgreicher IT-Unternehmen im Gespräch mit ihren Inhaberinnen und Inhabern im Dialog herausgeschält wird. Als Kolumnist äussert er auf inside-it.ch seine persönliche Meinung.

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