"Wir lassen SAP-Kunden nicht im Regen stehen"

7. Februar 2024 um 07:30
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"Die Kultur hierzulande ist offen, agil und stark innovationsgetrieben": Sabrina Storck. Foto: zVg

Sabrina Storck, Co-CEO von SAP Schweiz, äussert sich zur jüngsten Kritik am Weg von SAP. Sie spricht über Cloud-Zwang, Fokus auf KI und die Kultur von SAP in der Schweiz.

Sabrina Storck arbeitet seit über 15 Jahren für SAP. Lange war sie am Hauptsitz in Walldorf tätig und hatte verschiedene Funktionen und Führungspositionen in der DACH-Region inne. Bis 2021 leitete sie die Abteilung Revenue Strategy & Operations Organisation für die Region Mittel- und Osteuropa, dann folgte der Wechsel in die Schweiz. Zuerst war sie COO und übernahm schliesslich im Juli 2023 zusammen mit Thomas Schreitmüller die Co-Geschäftsleitung der hiesigen Landesorganisation, die aktuell über 875 Vollzeitstellen verfügt.
Wie haben Sie Ihren Positionswechsel bei SAP Schweiz bis jetzt erlebt? Sabrina Storck: Der Wechsel zur Geschäftsführerin zusammen mit Thomas Schreitmüller ist aufregend. Durch eine Co-Geschäftsführung können wir breiter skalieren, auch, was die strategischen Ziele betrifft. Als COO hatte ich auch schon mit der zukünftigen Ausrichtung zu tun, aber vieles betraf interne Tätigkeiten. Jetzt kommt das Externe, der Kontakt mit Kunden dazu.
Sie sind seit über 15 Jahren bei SAP, haben verschiedene Regionen kennengelernt. Gibt es eine spezifische Schweizer SAP-Kultur? Die Kultur hierzulande ist offen, agil und stark innovationsgetrieben. SAP Schweiz wurde vor 40 Jahren gegründet und war stets ein Vorreiter in vielen Themen. Es ist nochmals eine andere Kultur, als ich sie aus Deutschland kenne, wo oft etwas länger gewartet wird. Hier erlebe ich bei unseren Mitarbeitenden wie auch bei Kunden und Partnern mehr dieses "Ja, wir wollen gemeinsam vorwärtsgehen". Das ist eine sehr schöne Kultur, die es zu erhalten gilt.
Wie unterscheidet sich der Anspruch von Schweizer Kunden im Vergleich zu anderen Ländern? Schweizer Kunden sind stark am Fortschritt interessiert. Hier wird viel Wert darauf gelegt, technologische Innovationen frühzeitig zu nutzen, um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Im Vergleich zu anderen europäischen Märkten sehe ich, dass Schweizer Unternehmen ihre Projekte nicht nur diskutieren, sondern auch konsequent umsetzen. Das zeigt sich in unseren Renewal Rates, den Vertragsverlängerungen, was bedeutet, dass Kunden tatsächlich implementieren und ihre Projekte zum Erfolg führen.
Trotz der Innovationsbereitschaft – welche Herausforderungen sehen Sie auf dem Schweizer Markt? Während der Pandemie wurden viele Projekte zurückgestellt und Prioritäten auf andere Investitionen verschoben. Aktuelle Berichte zeigen, dass weniger als 50% der Kunden ihre Transformationsthemen aktiv angehen. Dieser Investitionsstau verlangsamt die agile Ausrichtung der Unternehmen, da Transformationsprojekte Jahre dauern. Es besteht Bedarf, den Knoten zu lösen und eine schnellere Ausrichtung auf die Zukunft zu ermöglichen. Dennoch haben in den letzten zwölf Monaten viele Kunden aktiv begonnen, nicht nur zu investieren, sondern auch Transformationsprojekte umzusetzen und sich auf neue Business-Modelle auszurichten. Es geht nicht nur um den Erwerb von Lizenzen, sondern um die konkrete Umsetzung, den Weg in die Cloud-Welt und den daraus resultierenden Erfolg.
Wie sieht es mit grossen Kunden wie Verwaltungen oder den Detailhändlern hinsichtlich SAP-Anwendungen aus? Im öffentlichen Sektor und in grossen Unternehmen wie Migros und Coop gibt es beachtliche Fortschritte. In der Bundesverwaltung und in Kantonen wie Genf oder Aargau sind SAP-Anwendungen, insbesondere S/4Hana, bereits aktiv. Die Digitalisierungsstrategie des Bundes verspricht für das nächste Jahr ebenfalls bedeutende Entwicklungen. Migros und Coop setzen ebenfalls wegweisende Cloud-Projekte um. In Bezug auf grosse Unternehmen wie ABB gab es die Gründung von Acceleron als eigenständige Einheit, welche auf die S4/Hana-Infrastruktur in der Cloud setzt, um agiler zu werden.
Und wie ist die Situation bei den KMU? Im KMU-Umfeld bieten wir zwei Richtungen an: Rise with SAP und Grow with SAP. Letzteres ist speziell auf den Mittelstand ausgerichtet, um schnell von Technologien wie der Business Technology Plattform profitieren zu können. Wir haben einige Kunden gewonnen, aber im letzten Jahr gab es hier eine Verlangsamung aufgrund der weltweiten politischen Lage und deren Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft. Gleichzeitig entwickelt sich eine interessante Beziehung mit Startups und Scaleups. Die Schweiz ist attraktiv für Funding und viele Unternehmen entstehen hier. Unser Ziel ist es, frühzeitig mit ihnen in Kontakt zu treten und sie bei ihrem Wachstum zu unterstützen.
Zuletzt gab es aber einige Kritik am Weg von SAP. Es hiess zum Beispiel: "SAP lässt die On-Premises-Kunden im Regen stehen." Wir haben intensiv mit Kunden, Usergroups wie DSAG oder IG SAP und Interessengruppen diskutiert, was die Strategieausrichtung von SAP bedeutet. Gleichzeitig möchte ich dem Statement widersprechen, dass wir die Kunden im Regen stehen lassen. Wir haben zugesichert, den Support und die Wartung für S/4Hana On-Premise bis 2040 aufrechtzuerhalten. Wir geben Kunden Zeit bis 2027, um ihre Migration zu planen, also von ECC 6.0 auf S/4Hana. Darüber hinaus haben wir kürzlich ein Angebot angekündigt, bei dem unsere Kunden, die SAP ECC oder S/4Hana betreiben, bei einem Umstieg bis Ende 2024 auf Rise with SAP oder Grow with SAP spezielle Gutschriften erhalten. Unternehmen können damit die Migrationskosten um bis zu 50% verringern und so eine schnellere Wertschöpfung erzielen. On-Premise-Kunden werden weiterhin Innovation und funktionale Verbesserungen erhalten, in der Regel alle 6 Monate, sowie rechtliche, Compliance- und Sicherheitsupdates wie in unseren Wartungsrichtlinien beschrieben.
Ein weiterer Vorwurf lautet, dass der Wechsel in die Cloud ein "Zwang" sei und dass On-Premise-Kunden auf strategische Innovationen verzichten müssten. Wie reagieren Sie darauf? Unsere Kunden hatten Bedenken, dass der Verbleib im On-Prem sie von SAP-Innovationen abschneiden könnte. Aber das ist nicht so, wir haben 6-monatige Release-Upgrades, es gibt eine ganze Roadmap, in der auch zu sehen ist, wann was eingespielt wird. Das ist langfristige Sicherheit für unsere On-Prem-Kunden, und wir setzen uns aktiv für einen Dialog ein, um Fragen zu beantworten. Was ich in den Diskussionen gespürt habe, ist auch nicht die Frage "Warum sollen wir in die Cloud gehen?", sondern mehr die Frage, "Wie schaffe ich es jetzt, diese Migration anzugehen? Was brauche ich, um da hinzukommen?". Während Innovationen nicht nur in der Cloud stattfinden, fokussieren strategische Innovationen zukünftig auf Cloud-Umgebungen. KI für Geschäftsprozesse und Green Ledger für die Erfassung von CO2-Emissionen sind Beispiele von SAP-Entwicklungen, die in der Cloud schneller und effizienter entwickelt werden können.
Wird On-Premises irgendwann komplett abgeschafft? Die Wartung für S/4Hana besteht bis 2040. Für 75% der Kunden, die bereits auf S/4Hana sind, gilt diese Lösung. Die restlichen 25% müssen noch zwischen S/4-On-Prem oder einem Rise-with-SAP-Modell wählen. Die Wartung gewährleistet einen langen Zeitraum, in dem das aktuelle Modell sicher genutzt werden kann. Die Zukunft sehen wir jedoch in Software-as-a-Service-Lösungen, wahrscheinlich in Multi-Cloud-Infrastrukturen, um Agilität zu gewährleisten und Investitionen zielgerichtet in die Cloud zu lenken.
Aber der Cloud-Wechsel ist mit markanten Preiserhöhungen verbunden. Die Wartungserhöhung wurde von SAP Global im Sommer bei knapp unter 5% angekündigt. In der Schweiz wurde die Erhöhung jedoch an den Index NOGA und den Landesindex der Konsumentenpreise angepasst, was zu einer Erhöhung von 2,4% bis 2,9% führt. Im Wettbewerbsumfeld sind vergleichbare Erhöhungen bei anderen Anbietern im hohen einstelligen Bereich. Deshalb betrachten wir diese Erhöhung als moderat und kundenorientiert, insbesondere angesichts der bis 2040 weiterhin zur Verfügung gestellten Software-Updates, Lokalisierungen und neuen Innovationen. Auch in den letzten Gesprächen zum Beispiel mit der IG SAP waren diese Preiserhöhungen eigentlich kein Thema mehr.
Gibt es andere Bereiche, in denen Kunden Bedenken äussern? Nachhaltigkeit ist ein stark diskutiertes Thema. Verschiedene Nachhaltigkeitslösungen, wie SAP Responsible Design and Production, sind beispielsweise On-Prem verfügbar. Allerdings ermöglicht eine Cloud-Infrastruktur neue Möglichkeiten, Echtzeitreports zu erstellen und datengesteuerte Lösungen zu entwickeln. Green Ledger, die grüne Buchhaltung, ermöglicht dabei tiefere Einblicke, da sie in Rise with SAP, S/4Hana Cloud und die Grow-with-SAP-Lösungen eingebettet ist und mit jedem Release um zusätzliche Funktionen erweitert wird. Damit möchten wir gezielt strategische Innovationen in der Cloud fördern. Ich sehe hier viel Potenzial, dass Unternehmen neue Geschäftsmodelle entwickeln können. Wir arbeiten bereits an solchen Projekten, wie zum Beispiel mit Hilti und deren Fokus auf zirkuläre Produktangebote. Ich glaube fest daran, dass Nachhaltigkeit nicht nur über Compliance hinausgeht, sondern auch zu innovativen Geschäftsmodellen führen kann.
KI ist ein weiteres wichtiges Thema, nicht nur für grosse Unternehmen, sondern auch für KMU? Absolut, KI ist enorm wichtig. Doch in meinen Gesprächen warne ich oft davor, dass Unternehmen eigenständige KI-Abteilungen aufbauen und isoliert Lösungen entwickeln. Ich sehe darin keinen Sinn. Gerade im Bereich KI ist es entscheidend, mit grossen Datenpools zu arbeiten und integrierte Lösungen zu entwickeln, die auf umfangreiche Daten zugreifen können, wie etwa in ERP- oder HR-Lösungen. Es geht nicht darum, isoliert mit einem bestimmten KI-Modell zu arbeiten, sondern vielmehr, sich innerhalb eines Ökosystems auszutauschen, um die besten Lösungen zu finden. Im Mittelstand, besonders im oberen Mittelstand, ist KI ein riesiges Thema. Denn dort sind IT-Abteilungen klein, manchmal nur drei bis zehn Personen stark. Mehr Automatisierung wäre hier ein grosser Fortschritt. KI kann beispielsweise beim Generieren von Code helfen, was besonders für kleine IT-Abteilungen grosse Effizienzgewinne bedeuten kann. Für uns ist im ERP-Kontext auch äusserst spannend, wenn KI bei der Migration genutzt wird.
Mit dem Fokus auf KI ist SAP bei weitem nicht alleine. Wie unterscheiden Sie sich von der Konkurrenz? Durch unser ERP und die umfangreichen Daten, die wir verwalten, sind wir in der optimalen Position, um Daten zu vernetzen und echte Daten zu verwenden. Wir haben beispielsweise 87% der gesamten Lieferketten der Welt auf einem SAP-ERP-System. Das ist ein enormer Vorteil, wenn man bedenkt, was die KI aus diesen Daten lernen und wie sie diese für unsere Kunden und Branchen anwenden kann. Wir haben nie stark auf Abgrenzung gesetzt, sondern auf unsere Stärken. Unsere Stärke liegt definitiv in der KI im Kontext Geschäftsprozesse.
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Die Co-CEOs von SAP Schweiz: Sabrina Storck, Thomas Schreitmüller.
Einen verstärkten Fokus auf KI hat SAP kürzlich angekündigt, verbunden mit einer Restrukturierung. Was heisst dies für die Mitarbeitenden in der Schweiz? SAP wird sich verstärkt auf strategische Wachstumsbereiche konzentrieren, insbesondere auf die beschleunigte Entwicklung und Implementierung von KI-Technologien und -Szenarien für Unternehmen. Um sicherzustellen, dass die Organisation, die Fähigkeiten und die Ressourcen auch in Zukunft den geschäftlichen Anforderungen entsprechen, plant SAP ein unternehmensweites Restrukturierungsprogramm. Welche Auswirkungen dies genau auf die Mitarbeitenden von SAP in der Schweiz haben wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.
Worauf freuen Sie sich besonders im neuen Jahr bei SAP Schweiz? Es gibt viele spannende Projekte, die wir mit unseren Kunden begleiten und über die wir im Jahr 2024 berichten können, insbesondere im Kontext der Migration. Wie ich erwähnt habe, feiern wir 2024 auch das 40-jährige Jubiläum von SAP Schweiz. Das ist ein bedeutendes Ereignis für Mitarbeitende, Kunden und Partner, die uns seit den Anfängen begleiten. Wir planen dazu auch einiges. Es wird quasi ein ganzes Geburtstagsjahr werden und nicht nur ein einzelner Geburtstag.
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