1 Jahr ChatGPT: Eine Revolution, die noch nicht abgeschlossen ist

30. November 2023 um 07:19
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Foto: zVg

Am 30. November 2022 lancierte OpenAI seinen Chatbot ChatGPT. KI-Unternehmer Kevin Schawinski blickt in diesem Gastbeitrag auf die letzten 12 Monate zurück – und nach vorn.

Genau heute vor einem Jahr ging der Chatbot ChatGPT an den Start. Die Lancierung des kalifornischen Startups OpenAI war eine Explosion des Interesses an dieser Art von KI-Technologie. ChatGPT war der erste Chatbot, der in natürlicher Sprache diskutieren, gewisse Aufgaben lösen und sogar kleinere Texte generieren konnte.
Dieser Erfolg kam nicht aus dem Nichts. ChatGPT war schlicht der Punkt, an dem die Entwicklung von grossen Sprachmodellen (LLMs) und besonders Transformers gut genug geworden war, um Dialoge mit Menschen halten zu können. Es war der sprichwörtliche Durchbruch in der breiten Öffentlichkeit, der auf jahrelanger akademischer und unternehmerischer Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz aufbaute.

Sprachmodelle beeinflussen jeden Lebensaspekt

Heute sind KIs und insbesondere Sprachmodelle wie ChatGPT allgegenwärtig und beeinflussen nahezu jeden Aspekt unseres Lebens. In der Arbeitswelt automatisieren sie Routineaufgaben und unterstützen Entscheidungsprozesse. In der Kunstwelt erschaffen sie neue Formen des kreativen Ausdrucks. Und in unserer Freizeit personalisieren sie Empfehlungen und interagieren als virtuelle Assistenten.
Eine ganze Reihe von Unternehmen hat Chatbot-Lösungen lanciert oder angekündigt, die administrative und kreative Aufgaben automatisieren sollen. Erste Studien aus den USA zeigen, dass diese KI-Helfer tatsächlich zu riesigen Produktivitätssteigerungen führen können – ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt scheinen sogar grösser zu sein, als die des Internets.

Intellektuell fordernde Jobs besonders betroffen

Dabei sind es gerade diejenigen Arbeitskräfte mit intellektuell fordernden Jobs – zum Beispiel im Rechtswesen, in der Medizin und in der Lehre und Forschung – die am stärksten betroffen sind. Im Gegensatz zu früheren Phasen der Automatisierung ersetzen die neuen Technologien nun auch gebildete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
Rund um diese Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz ist ein regelrechter Kampf zwischen Staaten und privaten Akteuren wie Google, Meta und OpenAI entbrannt. Es geht um die technologische Führerschaft, aber auch um die Kontrolle dieser Schlüsseltechnologie, die unsere moderne Zivilisation umwälzen könnte. Denn die Stakes in diesem Wettrennen sind gigantisch, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Dies zeigt auch die Krise um die Führung beim KI-Startup OpenAI, wo der CEO Sam Altman erst gefeuert wurde und nach wenigen Tagen triumphal zurückkehrte.
Angesichts dieser rasanten Fortschritte bei KI mehren sich aber auch die kritischen Stimmen. Immer mehr Personen und Organisationen rufen nach staatlicher Regulierung und ethischen Leitplanken. Die EU hat bereits ihren "AI Act" vorgelegt, der etwa Diskriminierung durch Algorithmen verhindern und bestimmte Grundrechte absichern soll. Diese rechtlichen Bestimmungen sind zurzeit in der voraussichtlich letzten Verhandlungsrunde.

Die Zukunft unserer Gesellschaft steht auf dem Spiel

Auch Länder wie die USA und Grossbritannien arbeiten an Regelwerken für KI. Die Schweiz ist nun auch dabei, da der Bundesrat ebenfalls Regulierungsansätze für Künstliche Intelligenz prüfen lassen will. Kritikerinnen und Kritiker weisen aber darauf hin, dass nationale Regulierungen angesichts der globalen Natur dieser Technologien nur begrenzte Wirkung entfalten können. KI hat das Potenzial, unsere ganze Gesellschaft zu verändern. Entwicklerinnen und Anwender müssen sich deshalb ihrer grossen Verantwortung rechtzeitig bewusst sein.
Die nächsten 12 Monate werden zeigen, wie schnell diese KI-Revolution tatsächlich voranschreiten wird. Die leistungsfähigsten Sprachmodelle stammen heute fast ausschliesslich von privaten Unternehmen wie OpenAI oder Google, die ihre neuesten Entwicklungen noch geheim halten. Dies macht Vorhersagen über kommende Durchbrüche sehr schwierig. Klar ist: In diesem Technologierennen steht mehr auf dem Spiel als nur die kurzfristigen Gewinne der Tech-Konzerne. Es geht letztlich um die Zukunft unserer Gesellschaft.

Zum Autor

Kevin Schawinski ist Astrophysiker und Gründer des Zürcher Startups Modulos, das sich dem verantwortungsvollen Einsatz von KI verschrieben hat. Mit der Software des Unternehmens sollen Firmen durch KI verursachte Risiken identifizieren, vermindern und kontrollieren können. Der Autor hat diesen Artikel "natürlich mit Hilfe meiner hilfreichen Buddies ChatGPT, Claude und Bard geschrieben", wie er selbst sagt.


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