Berner Stadtpräsident sagt "sorry" für Base4kids-Debakel

29. April 2022, 11:23
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Alec von Graffenried, der Stadtpräsident von Bern, im Jahr 2019. Foto: Parlamentsdienste 3003 Bern

Der Stadtrat debattierte das gescheiterte 27-Millionen-Projekt. Eine Konfliktlinie ist Open-Source-Software vs. Microsoft-Applikationen.

Die chaotische Einführung der neuen Schulinformatik "Base4kids2" hat nicht nur Mehrkosten in Millionenhöhe verursacht, sondern der Stadt Bern auch einen schwerwiegenden Vertrauensverlust beschert. Das wurde in der Diskussion im Stadtrat deutlich, die sich mit mehreren Berichten zum Fall beschäftigte.
Die politische Hauptverantwortung trage der Gemeinderat, hiess es in der anderthalbstündigen Debatte zu den Untersuchungsberichten. Das Parlament trage aber eine Mitschuld, indem es auf eine Open-Source-Lösung gedrängt habe. Das war ein Streitpunkt: Open Source gegen die Gefahr eines Vendor-Lock-ins bei Microsoft. Letzteres wurde in einer fraktionsübergreifenden Interpellation von links im letzten Mai betont.
Die Stadt müsse künftig das Machbare vor Augen haben und einen gewissen Pragmatismus walten lassen, forderte nun Francesca Chukwunyere von der GFL/EVP-Fraktion. Dabei sei auch das Parlament gefordert. Schliesslich habe der Stadtrat mit seinen Extrawünschen die Komplexität des Projekts noch erhöht. Das Parlament sei gut beraten, in solchen Fragen künftig auf ideologische Entscheidungen zu verzichten, betonte auch Milena Daphinoff (Mitte) in Anspielung auf die seinerzeitige Open-Source-Forderung.
Früh war allerdings die Kombination von Open-Source-Software und Apple-Hardware bemängelt worden. Der letzte Untersuchungsbericht machte zudem vor allem die Projektorganisation, Ressourcenmängel und Zeitdruck als Probleme aus. Allerdings war Open Source bereits aus dem Projekt gekippt und durch Microsoft-Lösungen ersetzt worden. Erst in diesem Januar wurde in der Hauptstadt beschlossen, dass man in der Verwaltung stärker auf Microsoft setzen will.

Bildungsdirektion will Lehren aus dem Debakel ziehen

Bildungsdirektorin Franziska Teuscher (Grünes Bündnis) versprach in der Debatte, man wolle die Lehren aus dem Debakel ziehen. Stadtpräsident Alec von Graffenried (Grüne Freie Liste) bedauerte, dass die missratene Einführung schwerwiegende Auswirkungen auf den Unterricht gehabt habe. "Das tut uns leid, das wollten wir nicht. Dafür möchte ich um Entschuldigung bitten."
Teuscher räumte ein, dass die mangelhafte Einführung von "Base4kids2" zu grossem Unmut und Verunsicherung in den Schulen geführt habe. Sie bedaure den Vertrauensverlust, insbesondere in ihre Bildungsdirektion. Um Vertrauen zurückzugewinnen, reiche die Neustrukturierung des Projekts nicht aus. Vielmehr brauche es künftig einen engen Einbezug der Anwenderinnen und Anwender sowie eine sach- und stufengerechte Kommunikation.
Das Debakel kenne viele Betroffene, sagte Marianne Schild namens der Grünliberalen – rund 10'000 Schulkinder sowie 1400 Lehrpersonen. Entsprechend schwer wiege der Vertrauensverlust, betonte auch Bettina Stüssi (SP). Das könne sich die Stadt eigentlich nicht leisten. Der Gemeinderat müsse sich schleunigst darum kümmern, Vertrauen zurückzugewinnen.
Claudine Esseiva (FDP) sprach von Fehlern, die in der Privatwirtschaft ein Kündigungsgrund wären. Auch sie gehörte zu den Fraktionssprecherinnen, die den Gemeinderat aufforderten, endlich Verantwortung zu übernehmen, anstatt die Probleme kleinzureden. Ähnlich sah es Thomas Glauser (SVP). Informatikprojekte seien anspruchsvoll, Führung unabdingbar.
Verständnis für den Gemeinderat äusserte Sarah Rubin (Grünes Bündnis), eine Parteikollegin von Bildungsdirektorin Teuscher. Der Nachkredit sei nicht in den Sand gesetztes Geld. Vielmehr habe er dem Projekt die nötige Stabilität verliehen.

Einst ein "Leuchtturmprojekt"

Für "Base4kids2" sprach das Volk 2018 insgesamt 24 Millionen Franken. Die Stadt wollte eine schweizweit einmalige Schulplattform entwickeln. Doch die Realität des vermeintlichen "Leuchtturmprojekts" sah anders aus. Drucken war schier unmöglich, Geräte stellten von alleine ab, Dokumente waren mitunter kaum zu bearbeiten. Lehrkräfte kritisierten, ein vernünftiger Unterricht sei nicht möglich. Ein Nachkredit von 2,7 Millionen Franken wurde nötig. Unter anderem wurden zusätzliche Stellen in der Verwaltung geschaffen. Vor allem aber wurde die Open-Source-Software durch Microsoft Office ersetzt. Mittlerweile soll das Projekt auf Kurs sein.
Ein externer Gutachter kam im Wesentlichen zu denselben Schlüssen wie die Aufsichtskommission des Stadtrats. Zum Debakel kam es demnach vor allem, weil es an personellen Ressourcen und an Fachkenntnissen mangelte. Dass der externe Informatikanbieter faktisch die Projektleitung übernommen habe, sei ebenfalls ein schwerer Fehler gewesen.

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