"OK Google: Was passiert jetzt in Zürich?"

17. Februar 2023 um 12:59
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Foto: Ilia Bronskiy / Unsplash

Aktienkurse, Konkurrenz, Regulation, Proteste: Google sieht sich in der Defensive. Eine Einordnung der geplanten Massenentlassung in der Schweiz.

Seit Kurzem ist klar: Auch in Zürich setzt Google den Rotstift an und verhandelt mit der Personalvertretung über eine Massenentlassung. Diese darf sich dazu nicht äussern. Auch Google kommentiert die Vorgänge nicht und das zuständige Amt der Stadt Zürich will ebenfalls nichts zu konkreten Firmen sagen. Die Aufregung in der Belegschaft ist aber gross. Die Angst geht um – auch davor, die Schweiz wieder verlassen zu müssen. Schlimmstenfalls Richtung Russland oder Ukraine.
Diese Sorgen waren am Protest-Walkout am Dienstag zu erfahren, an dem sich Zoogler ungewohnt offenherzig zeigten. Sie wissen aber nur wenig über die Vorgänge hinter verschlossenen Türen. Die Kommunikation und die Art und Weise der Entlassungen an anderen Orten sorgen in Zürich für Empörung. "Don't be Evil" hielt ein Zoogler den einstigen Slogan des Konzerns in die Höhe, während ein Sprecher seiner Wut Luft machte.
Google-CEO Sundar Pichai erklärte indes in einem Blogeintrag, man unterstütze die 12'000 Beschäftigten, die man zu entlassen beabsichtige. In den USA erhielten gekündigte Mitarbeitende demnach in einer Kündigungsfrist von 60 Tagen Gehalt und ein Abfindungspaket. Für die Schweiz hiess es bislang: Man halte sich an die gesetzlichen Vorschriften. Aber auch hier, so mutmassen Zoogler, wird sich Google nicht auf zermürbende Verhandlungen mit rufschädigendem Resultat einlassen, um etwas Handgeld zu sparen.
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Protest in Zürich: "Don't be evil". Foto: ts
Was macht Google in Zürich?
Zürich ist der grösste Entwicklungsstandort von Google ausserhalb der USA. 5000 Mitarbeitende aus über 80 Ländern arbeiten hier an Tools und Services des Konzerns. Wie viele gehen müssen, ist noch unklar. Geht man von den kommunizierten 6% der globalen Belegschaft aus, wären es 300 Beschäftigte, die entlassen würden. Das dürfte die Zürcher Europaallee weniger verändern als das Ende des Kulturlokals "Kosmos".
Und Google hat grosse Pläne in der Limmatstadt. Erst vor einem halben Jahr hatte der Konzern den Bezug neuer Büros am Zürcher Seeufer bekannt gegeben. Doch kurz darauf bekräftigte Pichai einen Einstellungsstopp und erklärte, Neueinstellungen würden auf technische Funktionen und andere wichtige Profile beschränkt. Ob und wie stark dies den Schweizer Standort betrifft, lässt sich schwer abschätzen. Google will nicht preisgeben, woran hierzulande konkret gearbeitet wird.
Das gäbe aber Aufschluss über die Pläne. Schliesslich werden Open-Source-Teams reduziert, wie verschiedene gut informierte Tech-Magazine berichten. Google Brain hingegen, das sich mit Machine Learning befasst, soll laut Medienberichten verschont bleiben – kein Wunder beim aktuellen Wettrennen um KI-basierte Suchmaschinen.
Laut Recherchen der 'Republik', die sich über Monate mit Google beschäftigt hat, werden in Zürich Fundamente für viele der Tools im Google-Ökosystem gelegt: Search, Youtube, Maps, Assistant, Gmail. Doch auch Produkte, über die ungern gesprochen werde, würden hierzulande mitentwickelt, so etwa die Werbe­plattform True View für Youtube, aber auch Google Shopping oder der Vergleichsdienst Google Flight. Die beiden letzteren gerieten ins Visier der EU-Regulatoren. Wegen Missbrauchs der marktbeherrschenden Stellung mit Google Shopping wurde eine Strafe von 2,4 Milliarden Euro verhängt.

Googler auf dem Schweizer Arbeitsmarkt?

Der Konzern sieht sich in der Defensive: Mit dem Rennen um die KI-Vorherrschaft im Internet sind Konkurrenten auf den Plan getreten, die das Kernbusiness von Google infrage stellen könnten. Heute musste Google zudem seine Userzahlen für die EU preisgeben. 332 Millionen Menschen nutzen demnach monatlich die Suchmaschine des Unternehmens. Der Grund für die ungewohnte Offenheit ist eine stärkere Regulierung der Big-Tech-Plattformen unter dem Digital Services Act (DSA).
Gleichzeitig hat sich die wirtschaftliche Grosswetterlage stark getrübt, die Aktienkurse der Techkonzerne litten nach dem Zuckerrausch in der Pandemie besonders. Massenentlassungen sind im gesamten Big-Tech-Sektor zu verzeichnen. Bei Google kommt ein PR-Missgeschick mit dem KI-Chat "Bard" dazu, das den Aktienkurs zwischenzeitlich um 10% einbrechen liess und 100 Milliarden Marktwert vernichtete. Die Massenentlassungen sollen Aktionäre und potenzielle Investoren beruhigen.
Und damit aus der Vogelperspektive wieder auf den Boden in Zürich: "Respect (each other) the Stock Price", hielt einer ein Schild am Google-Protest hoch. Man wolle nicht die Fehler anderer ausbaden, sagte ein anderer. Ob er im Falle einer Entlassung eine Stelle bei einem Schweizer IT-Unternehmen suchen und finden wird – falls dies rechtlich möglich wäre – ist fraglich: Zum einen setzt Google intern oft eigene Tools ein, zum anderen sind die Löhne und Benefits für die international mobilen und hochqualifizierten Fachkräfte beim Techkonzern immens.

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