"Die Zahlen bei Juris waren dunkelrot"

14. Mai 2024 um 06:34
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Abraxas-CEO Reto Gutmann. Foto: zVg

Trotz Rekordumsatz erzielte Abraxas einen operativen Verlust. Im Interview haben wir mit CEO Reto Gutmann darüber gesprochen und gefragt, warum sich der IT-Dienstleister von seiner Justizsparte trennte.

Reto Gutmann ist seit über acht Jahren CEO von Abraxas. Im Interview blicken wir mit ihm auf die Fusion mit VRSG zurück, diskutieren den Verkauf des Justizgeschäfts und das Berner Projekt Base4Kids. Darüber hinaus sagt Gutmann, was sich bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand seit dem Xplain-Fall geändert hat – und was sich noch ändern muss.
2023 jährte sich die Fusion zwischen Abraxas und VRSG zum fünften Mal. Wie hat sich die Unternehmenskultur in dieser Zeit verändert? Wir sind als Abraxas in den vergangenen fünf Jahren deutlich zusammengewachsen und haben gemeinsam bereits viel erreicht. Es stimmt aber auch, dass wir noch nicht am Ziel sind. Beide Vorgängerfirmen gehörten der öffentlichen Hand. Wie unterschiedlich die Ausgangslagen waren – auch in Bezug auf die Firmenkultur – hatte mich überrascht. Diese beiden Kulturen in Anbetracht der sehr vielfältigen Tätigkeitsfelder und Fachgebiete zusammenzuführen verlangt nicht zuletzt auch eine hohe Selbstständigkeit und Sinn fürs grosse Ganze unserer Mitarbeitenden – ganz im Sinne unseres Wertes Eigenverantwortlichkeit.
Inwiefern waren die Ausgangslagen unterschiedlich? Zuallererst möchte ich betonen, was gleich war und uns alle miteinander verbindet: Die Kolleginnen und Kollegen beider Unternehmen sind mit viel Herzblut und Engagement in die Fusion hineingegangen. Wir alle sind mit vollem Engagement dabei, sehen die Sinnhaftigkeit unseres Tuns und wie wichtig unsere Dienstleistungen für die öffentliche Hand und somit für die schweizerische Gesellschaft als Ganzes sind. Gemeinsam haben wir so den Grundstein für einen guten Teamspirit bei Abraxas gelegt. Unterschiedlich war zu Beginn unserer gemeinsamen Reise vor allem der Charakter der Aufgaben. Zum Beispiel war die eine Firma gewohnt, viele kleinere Projekte mit vielen Kunden umzusetzen, die andere Firma hingehen hatte eher grössere, dafür weniger gleichzeitig laufende Projekte.
Was fehlt denn noch zur Erreichung Ihrer Vorstellungen? Wir sind auf einem guten Weg. Ich denke, die allermeisten sehen sich als Teil des Teams Abraxas. Und dennoch: Jede Firma hat Subkulturen und das ist auch gut so. Ich erwarte aber, dass wir alle die Zusammenhänge noch besser sehen und verstehen: Welche Konsequenzen hat ein einzelner Entscheid in einem bestimmten Fachbereich oder eines einzelnen Mitarbeitenden allenfalls für andere Abteilungen oder Themen innerhalb von Abraxas? Das ist anspruchsvoll und unbequem. Das fordert uns alle.
Es gibt also ein "Gärtli"-Denken innerhalb der Firma? Nein, das stimmt so nicht. Tatsächlich sind wir in den vergangenen Jahren stark gewachsen und viele Themen sind hinzugekommen. Mein Anspruch ist, dass wir trotz der zunehmenden Komplexität alle stets bestrebt sind, die Übersicht zu behalten und mitzudenken.
Wenn Sie auf die vergangenen fünf Jahre seit der Fusion zurückblicken, was waren aus Ihrer Sicht die Höhepunkte? Durch die Fusion wollten wir unter anderem auch Synergien nutzen. Das ist uns beispielsweise durch die Konsolidierung unseres Service-Desks für die ganze Firma gelungen. Zudem, und das ist die Hauptsache, konnten wir viele spannende, Projekte durchführen. Ich denke da aktuell an das Einwohner- und Personenregister in St. Gallen, das Gemeinden und Kanton gemeinsam nutzen. Mir gefällt dieses Projekt auch deshalb, weil es ein Paradebeispiel dafür ist, dass Gemeinden und Kantone gemeinsam etwas bewirken können.
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Reto Gutmann im Gespräch mit Inside-IT-Chefredaktor Reto Vogt. Foto: Gregor Patorski/Abraxas
Worauf blicken Sie weniger gern zurück? Keine Frage, die Fusion an sich war sehr anspruchsvoll. Sicher ein weniger schöner Moment war, dass wir letztes Jahr bei der Steuerausschreibung des Kantons St. Gallen nicht berücksichtigt worden sind. Da hatten wir schon gehofft, das machen zu dürfen.
Haben Sie Einspruch erhoben gegen die Vergabe? Ja. So erhalten wir Einsicht in die Entscheidungsbildung und Begründung. Und nur so können wir diese besser verstehen und daraus lernen.
Was hat die Einsprache genützt? Das wissen wir noch nicht.
Haben Sie sich im Ausschreibungsprozess etwas vorzuwerfen? Das kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten.
Gibt es andere Projekte, die Sie ähnlich negativ beurteilen? Da muss ich etwas überlegen…
… mir würde da schon etwas einfallen. Base4Kids an der Stadtberner Schulen. Base4Kids war ein anspruchsvolles Projekt mit einem Endergebnis, das sehr gemischt aufgenommen wurde. Es startete als Pionierprojekt. Auch, weil es komplett Open-Source-basiert war. Inzwischen haben die Behörden in Bern wieder komplett auf Standard-Software von Microsoft umgeschwenkt. Dieser Entscheid ist verständlich – und deckte sich auch mit unseren Empfehlungen an den Kunden. Dennoch ist Open Source nicht per se schlecht. Es muss einfach sichergestellt sein, dass sie im Zusammenspiel mit dem Umsystem funktioniert. Das hat in diesem Fall leider nicht geklappt.
Sind Sie heute noch involviert bei Base4Kids? Nein, das Projekt ist abgeschlossen und wir sind seit 2023 nicht mehr involviert. Wir hatten es noch eine Zeit lang betrieben, aber mittlerweile ist alles übergeben.
Sind Sie froh darüber? Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich mache gerne Kundenprojekte und bin froh, dass wir am Ende einen Weg gefunden haben, der für beide Seiten stimmt.
Aber machen Sie seitdem weniger Open-Source-Projekte? Nein, wir haben auch heute noch Open-Source-Lösungen und -Produkte im Einsatz.
Im Geschäftsjahr 2023 erzielte Abraxas zwar einen Rekordumsatz, aber gleichzeitig einen hohen operativen Verlust. Spielte da Base4Kids mit rein? Nein. Wir hatten ohnehin schon knapp kalkuliert, insbesondere weil wir stark in neue Produkte investieren wollten, zum Beispiel in unsere Steuersoftware "Abraxas Taxa". Ausserdem spürten wir die Teuerung stark. Diese Kosten konnten wir aufgrund bestehender Verträge nicht weitergeben.
2023 mussten Sie ein Projekt im Kanton Zürich stoppen und haben sich komplett aus dem Justiz-Software-Bereich zurückgezogen. Inwiefern hat das zum negativen Gesamtergebnis beigetragen? Die Justizlösung Juris wirkte sich schon seit einiger Zeit negativ auf das Unternehmensergebnis aus. Die Produkterneuerung zeigte sich als sehr aufwändig. Da ergab sich eine Option, bei einer anderen Firma die Erneuerung Juris auf ihrer bereits bestehenden Plattform schneller umzusetzen. Auch dies hat uns zum Entscheid bewogen, uns von diesem Bereich zu trennen.
Was bedeutet negativer Einfluss? Wie rot waren die Zahlen? Schon dunkelrot.
Wie lange hatten Sie mit dem Entscheid gerungen, sich von Juris trennen? Es fiel uns sehr schwer, schliesslich hatten wir über Jahre viel Aufwand und vor allem viel Herzblut reingesteckt. Angestossen wurden unsere Gedanken vom Angebot, das uns der Käufer Logobject unterbreitet hatte. Die Gespräche hatten uns gezeigt, dass wir mit unserer Lösung im Vergleich mit der Plattform von Logobject zurückliegen.
Aber so ein Angebot fällt ja nicht vom Himmel. Der Käufer muss wissen, dass die Sparte auf dem Markt ist. Sie haben aktiv nachgefragt. Man kennt sich ja auch. Und so kamen wir dann doch relativ schnell zusammen, vor allem, weil es halt auch thematisch Sinn ergibt.
Wie meinen Sie das? Logobject ist im Polizeimarkt gut positioniert und ist auch im Geschäftsbereich Justiz nicht unerfahren. Deshalb ergab dies Sinn. Ausserdem werden unserer Einschätzung nach Polizei- und Justizsysteme bei der Digitalisierung der Prozesse weiter zusammenwachsen.
Wie haben die Kunden auf Ihren Entscheid reagiert? Die hatten vermutlich keine Freude. Ich habe nicht von allen betroffenen Kunden ein direktes Feedback erhalten. Aber die meisten waren schon überrascht, weil solche Schritte von Abraxas ungewohnt sind.
Aber was heisst das nun konkret für die Kunden? Unseres Wissens plant Logobject die Erneuerung des Produkts, die wir angestossen hatten, auf ihrer Plattform weiterzuführen. Ebenso wird der neue Eigentümer die Integration bei Justitia 4.0 sicherstellen. Wir bleiben zudem noch begleitend an Bord, um den Know-how-Transfer zu gewährleisten.
Im Kanton Zürich sprach die Politik von einem "Scheitern mit Ansage". Ist das für Sie nachvollziehbar? Bei diesem Projekt waren wir dem Zeitplan hinterher. Das trifft zu, auch wenn wir im vergangenen Jahr klare Fortschritte erzielt hatten. Die Verzögerungen beim Produkt haben sich jedoch dort 1:1 niedergeschlagen.
Weshalb kam es zu diesen Verzögerungen? Es war ein komplexes Produkt, das auch auf Open Source basierte. Wir stellten fest, dass es noch ein paar Iterationen braucht, bis Stabilität und Performance stimmen. Das hat uns der Käufer auch bestätigt.
Also eine Fehlkalkulation? Wir haben das Vorhaben unterschätzt.
Apropos Open Source: Seit Anfang Jahr ist das Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben (Embag) in Kraft, welches bei Projekten für den Bund Open Source vorschreibt. Wie glücklich sind Sie als Anbieter damit? Es könnte schon bedeuten, dass sich Anbieter neu erfinden müssen, wenn ihr Code plötzlich allen zur Verfügung steht und nicht mehr nur dem Kunden. Aber ich möchte festhalten, dass wir den Code auch zuvor schon veröffentlicht haben, zum Beispiel im Rahmen eines Bug-Bounty-Programms.
Damit ist der Code aber nur öffentlich, und nicht Open Source. Das ist richtig. Aber selbst wenn jemand unseren Open-Source-Code nehmen und kopieren sollte, wäre das nur ein Baustein von vielen. Das Know-how unserer Mitarbeitenden ist ja zum Beispiel nicht öffentlich.
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Ist das dieses Neu-Erfinden, das Sie angesprochen haben? Dass in Zukunft das Dienstleistungsgeschäft höher gewichtet wird als das reine Entwicklungsgeschäft? Kann sein, ja. Es kommt aber weiter auf die Ausschreibungen an. Wenn jede Stelle sagt: "Ich will eine individuelle Lösung!", gibt das wenig Synergien schlussendlich.
Was speziell seit dem Fall Xplain in puncto Ausschreibungen immer wieder thematisiert wird, sind Sicherheitsaspekte. Was können Sie als Dienstleister tun, zum Beispiel mit den angesprochenen Bug-Bounty-Tests? Ich würde die sehr gerne bei jedem Projekt machen, aber solche Tests kosten halt auch. Ich würde mir wünschen, dass diese Anforderungen an die Sicherheit in den Ausschreibungen spezifiziert werden und ich diese dann auch entsprechend offerieren kann. Wenn es nicht gefordert ist, kann ich es nicht offerieren. Dies, weil ich in Konkurrenz zu Anbietern bin, die es nicht einpreisen und entsprechend günstiger sind.
Sie wären zwar teurer, aber auch sicherer. Ja, aber das zahlt zu dem Zeitpunkt niemand.
Sie sagen also, Sicherheit ist Sache des Kunden? Nein, das sage ich nicht. Eine Grundsicherheit gibt es immer, aber Bug Bounty oder Vergleichbares können wir nicht nur auf unsere Kosten machen.
Ist es denkbar, solche Sachen optional zu offerieren? Wenn es zulässig ist, ja. Wir haben das bei einem Projekt in St. Gallen einmal gemacht, den Zuschlag erhalten und durften anschliessend das Programm auch durchführen. Und wo immer möglich, versuchen wir unsere Kunden zu sensibilisieren, dass sie gewisse Anforderungen einfach verlangen.
Wie haben sich die Ausschreibungen verändert seit dem Fall Xplain, der nun ziemlich genau ein Jahr her ist? Sehen Sie wirklich spürbare Änderungen? Ja, es werden spürbar mehr Audits durchgeführt. Die Klausel, dieses Recht einzufordern, sehen wir viel häufiger.
Wie oft wurde Abraxas in den letzten 12 Monaten auditiert? Wir hatten Anfragen im oberen zweistelligen Bereich, also von fast allen Kunden. Wir konnten sie aber teilweise bündeln, wenn sie aus dem gleichen Segment kamen.
Haben Sie diese auf eigene Rechnung durchgeführt? Es ist jeweils eine Mischrechnung. Ein normales Audit dauert vier Tage, manche gehen tiefer. Das längste Audit, das ich je erlebte, dauerte über zwei Jahre.
Anders als Xplain betreiben Sie auch Daten von Kunden. Um welche Daten handelt es sich? Dazu möchte ich keine Auskunft geben.
Haben Sie eigene Rechenzentren oder sind Sie eingemietet? Wir mieten bei einem Datacenter nur Strom und Kühlung, den Rest betreiben wir selbst. Es ist also unsere Hardware drin.
Ende Jahr hatte Abraxas rund 1000 Mitarbeitende. Gerade die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass insbesondere amerikanische IT-Unternehmen mit grossen Entlassungsrunden auf zu hohe Kosten reagiert haben. Wie sieht es diesbezüglich bei Abraxas aus? Heute ist das kein Thema bei uns. Unsere Leute sind gut ausgelastet.
Wie blicken Sie auf das kommende Geschäftsjahr? Was darf man von Abraxas erwarten? Wir erwarten einen leicht steigenden Umsatz und wollen wieder in den schwarzen Zahlen sein. Unsere Investitionen in neue Produkte bringen bereits erste Erfolge im Markt, wie die drei Vertriebspartnerschaften für unsere Steuerlösung Taxa mit Talus, OBT und Axians zeigen. Stellen müssen wir uns der Herausforderung, dass die Tendenz bei der öffentlichen Hand hin zu ressourcenbasierten Ausschreibungen geht. Das ist nicht unser Kerngeschäft und deshalb eine Herausforderung.
Sie meinen Rahmenverträge? Ja. Ob diese Welle wieder schwächer wird oder sogar noch stärker, ist schwierig zu prognostizieren. Wir haben das Thema aber auf jeden Fall auf dem Schirm.

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