Es klingt unfassbar gut, was der Bundesrat vor zwei Wochen verlauten liess: "Das Ziel ist, Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern, Technologien oder proprietären Lösungen zu vermeiden oder gezielt zu reduzieren", heisst es in den neuen
Leitlinien für die digitale Souveränität in der Bundesverwaltung.
Man muss diesen Satz geniessen. Er ist nämlich wunderschön, insbesondere das Wörtchen "oder" darin, das alles verrät. Wenn es nicht klappt, die Abhängigkeiten zu vermeiden, dann reduzieren wir sie halt. Schliesslich ist eine Reduktion um 0,1% (oder noch weniger) auch eine Reduktion. Oder?
Derselbe Bundesrat, zumindest ein Mitglied des Gremiums, hofierte diesen Sommer Microsoft und hat dessen Präsident Brad Smith in Bern empfangen.
400 Millionen Dollar wolle der Konzern hierzulande in KI-Rechenzentren investieren, sagte Smith. Und Wirtschaftsminister Guy Parmelin rührte dabei kräftig die Werbetrommel für den Konzern.
Von den Investitionen hat die Schweiz wenig bis nichts. Das ist, als würde man seinem Vermieter danken, dass er von der Miete auch mal einen Handwerker bezahlt. Es geht beim Bau von neuen Rechenzentren wie bei jeder Immobilie allein um Werterhalt oder Wertsteigerung für Microsoft beziehungsweise den Besitzer selbst.
Abhängigkeit weiter zementiert
Rund 50 Milliarden Dollar erwirtschaften Big-Tech-Unternehmen wie AWS, Google oder Microsoft hierzulande jedes Jahr. Davon sieht die Schweiz indes keinen müden Steuerrappen. Dass dem so bleibt, hat der Bundesrat im jüngsten Zoll-Deal mit den USA zementiert und US-Präsident Donald Trump versprochen, keine Digitalsteuer einzuführen. Warum das die hiesigen Unternehmen oder Wirtschaftsverbände nicht stärker aufregt, ist mir schleierhaft.
Aber item. Zementiert hat der Bund auch die Zusammenarbeit mit Microsoft. Kurz vor Silvester 2024 vergab die Bundesverwaltung über
140 Millionen Franken an Microsoft. Ohne Ausschreibung, versteht sich. Wegen der "vielschichtigen Abhängigkeiten bei den Fachanwendungen gibt es derzeit keine Alternative". So geht das seit Jahren: 1,1 Milliarden Franken sind in der letzten Dekade von Bund, Kantonen und Gemeinden an Microsoft geflossen.
Die eingangs erwähnten Leitlinien sind übrigens das Destillat eines Berichts zur "Digitalen Souveränität der Schweiz", der drei Jahre in Arbeit war. In diesen drei Jahren ist die Abhängigkeit zu Microsoft stärker und die digitale Souveränität der Schweiz schwächer geworden, weil inzwischen alle
54'000 Arbeitsplätze beim Bund in die Cloud migriert worden sind. (Was übrigens gemäss dem jüngsten
Bericht des Datenschutzverbunds ein Problem ist, aber dies nur am Rande.)
Zurück zum Bericht: Drei Jahre Arbeit. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Drei Jahre, um einen Bericht zu schreiben, wie man souveräner werden könnte. Und in diesen drei Jahren wird man unsouveräner. Das ist, wie wenn jemand jahrelang erklärt, wie man Backups erstellt, aber am Schluss selbst alle Daten verliert.
Erforschen, was bekannt ist
Die Diskrepanz bei der digitalen Souveränität war wohl nie so gross wie 2025. Einerseits wurde das Thema wohl so stark und breit diskutiert wie noch nie, andererseits gibt's erstaunlich wenig Taten, die den Worten folgen. Drei Ausnahmen: Das "
Netzwerk SDS – Souveräne Digitale Schweiz" wurde gegründet und zwei Pilotprojekte lanciert:
eins beim Bund, das andere bei der
Stadt Zürich. Beide wollen das gleiche herausfinden: Eignet sich Opendesk als Alternative für Microsoft 365?
Aber warum prüfen, wenn die Antwort schon längst vorliegt? Überspitzt formuliert wollen die Projekte eine Frage klären, die schon längst geklärt ist. Wir müssen nicht mehr erforschen, ob Open Source eine seriöse Alternative ist. Das
deutsche Bundesland Schleswig-Holstein hat bereits auf Open Source umgestellt, der
europäische Strafgerichtshof will weg von Microsoft. Und auch das Schweizerische Bundesgericht kommt schon seit Jahren nur mit Open Source Software aus.
Die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern ist kein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die man täglich neu trifft. Mit jedem Vertrag, den man unterschreibt, mit jedem Rechenzentrum, das man bejubelt, mit jedem Jahr, das man zuwartet.
Mehr tun, weniger reden
Wird 2026 das Jahr des Tuns, statt das Jahr des Redens wie das vergangene? Es braucht nur den Willen dazu. Wenn – und das ist ein grosses Wenn – der Bericht der Stadt Zürich positiv ausfällt, wenn Opendesk auch in der Schweiz tatsächlich als Alternative ernst genommen wird, dann könnte ein Dominoeffekt eintreten. Dann könnte 2026 das Jahr sein, in dem aus Worten Taten werden. Ein Jahr, in dem die Schweiz nicht mehr nur über Souveränität redet, sondern souverän handelt. In dem man nicht mehr nur Leitlinien verabschiedet, sondern ihnen folgt.
Aber ich bin Realist. Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Zu stark die Abhängigkeiten, zu bequem der Status quo, zu risikoreich sind Projekte, die Neues wagen. Zu teuer und komplex die Migration, zu verführerisch die Möglichkeit, das Problem noch ein Jahr zu vertagen. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Und…
Ein Update fürs Beschaffungsrecht
Ich sehe einen zentralen Punkt, an dem angesetzt werden muss, wenn sich tatsächlich etwas ändern soll: Das Beschaffungsrecht! Es braucht eine "Exit-Strategie" bei jeder Beschaffung. Die Möglichkeit, den Anbieter wechseln zu können, muss ein Pflichtkriterium werden bei jeder Beschaffung – mit gleichem Gewicht wie der Preis. Wer keine offenen Standards nutzt, wer proprietäre Formate erzwingt, wer Daten in proprietäre Clouds sperrt, der soll in der Bewertung massiv schlechter abschneiden. Egal wie günstig das Angebot ist.
Denn was nützt ein günstiger Preis heute, wenn man morgen gefangen ist? Wenn der Wechsel um ein Vielfaches mehr kostet und man deshalb beim bisherigen Anbieter bleibt? Der "Vendor Lock-in" ist der eigentliche Preis. Nur ist der bei heutigen Beschaffungen nicht einkalkuliert.
Solange wir Angebote nur nach dem Preis bewerten und nicht nach der Ausstiegsmöglichkeit, solange bleibt's beim Oder-Prinzip. Aber immerhin kann dann Inside IT diesen Text Ende 2026 nochmal veröffentlichen. Denn dann behält er die Gültigkeit.
Der Autor
Reto Vogt ist freier Tech-Journalist und seit Oktober 2024 Studienleiter für Digitale Medien und Künstliche Intelligenz am MAZ in Luzern. Zuvor war er Chefredaktor bei inside-it.ch.
Im Jahr 2025: Die wichtigen Tech-Themen
Barrierefreiheit, Cybersicherheit, digitale Souveränität, KI, Schweizer Software, Startups und vieles mehr – Expertinnen und Experten ziehen in ihren Gastbeiträgen eine Bilanz des vergangenen Jahres und blicken voraus.